Tourismusmesse ITB : Wie Sachsen sein Imageproblem bekämpfen will

Viel Natur, wenig Dresden: Sachsen will zeigen, dass es trotz Pegida und fremdenfeindlicher Ausschreitungen wie in Clausnitz eine Reise wert ist.

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Schöne Aussicht. Die Sächsische Schweiz zählt zu den beliebtesten Zielen in Deutschland. Auf der ITB will Sachsen mit der Schönheit seiner Natur werben, zuletzt hat das Image des Bundeslandes gelitten, auch wegen Pegida.
Schöne Aussicht. Die Sächsische Schweiz zählt zu den beliebtesten Zielen in Deutschland. Auf der ITB will Sachsen mit der...Foto: Matthias Hiekel/dpa

Ein blaues Schlauchboot liegt in der Mitte des Raumes: Eines, wie sie so ähnlich täglich auf den griechischen Inseln ankommen. Aber Hans-Jürgen Goller hat es hier am Sachsen-Stand in Halle Elf nicht etwa als Mahnmal für das Schicksal der Flüchtlinge platziert, sondern um für eine Raftingtour am Markkleeberger See zu werben.

Weniger Touristen aus Deutschland reisen nach Dresden

Goller ist Geschäftsführer der Tourismus- und Marketinggesellschaft Sachsen und hat auf der Tourismusmesse ITB mit Blick auf das Reiseland Deutschland vielleicht einen der schwersten Jobs: Er soll das Imageproblem seines Landes korrigieren, dafür werben, dass Sachsen trotz Pegida und zahlreicher fremdenfeindlicher Ausschreitungen wie jüngst in Clausnitz und Bautzen eine Reise wert ist. Groß ist die Sorge, dass sich der „Pegida-Effekt" noch stärker als bisher auf die Tourismusbranche auswirkt. In Halle Elf will sich Sachsen deshalb zusammen mit Thüringen und Sachsen-Anhalt als Achse der Guten präsentieren.

Besonders Dresden hat den "Pegida-Effekt" zu spüren bekommen. Um fünf Prozent brachen die Übernachtungen von Reisenden aus dem Inland in der Landeshauptstadt im vergangenen Jahr ein. Die 14 Museen verzeichneten ein Minus von sechs Prozent, insgesamt stagnierte die Zahl der Touristen in Sachsen bei 7,4 Millionen.

Die Semperoper findet nur auf einem Plakat statt

Goller will, dass am Ende des Jahres wieder ein Plus vorm Komma steht. Deshalb hat er alles, was mit Pegida Verbindung gebracht werden könnte, vom Messestand verbannt. Der Barock, die Semperoper, der Theaterplatz, all das findet nur auf kleinen Postern am Rande statt. Stattdessen schweben über dem Stand Plakatwände mit Fotos vom Elbsandsteingebirge, der Boden ist mit grasgrünem Teppich ausgelegt, ein künstlicher Wasserfall plätschert unablässig gegen das Besuchergemurmel an. „Erlebe die Natur“, lautet das Motto – weil man manche Menschen in Sachsen eben nicht erleben möchte?

„Nein, sicher nicht“, sagt Goller, „ich finde es auch unfair, wenn wegen einiger Tausend Pegida-Demonstranten ein ganzes Land in Sippenhaft genommen wird.“ Aber es sind nicht nur die Pegida-Anhänger, die Sachsens Ruf Schaden. 477 rechtsmotivierte und rassistische Angriffe verzeichnete der Opferhilfeverein RAA Sachsen im vergangenen Jahr insgesamt. Das sei ein Anstieg rechter Gewalttaten im Freistaat um 86 Prozent.

„Wir haben ein Problem und das kann man nicht verschweigen“

„Wir haben ein Problem und das kann man nicht verschweigen“, gibt Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) zu, er ist an diesem Donnerstag extra nach Berlin gereist, um für das positive Image seines Landes zu werben. Mit 7,4 Milliarden Euro gehört die Tourismusbranche zu Sachsens wichtigen Wirtschaftszweigen.

„Ohne Gastfreundschaft gibt es keinen Tourismus“, erklärt Dulig, „und wir wollen auf der ITB zeigen, was für ein gastfreundliches, vielfältiges Land Sachsen ist.“ Es liege letztlich an jedem Einzelnen „welches Bild wir von Sachsen aus in die Welt senden – und ob es uns zukünftig wieder gelingt, mit einem Bild zu werben, das neugierig macht und Interesse an unserem Land weckt“. Goller führt Dulig durch die Halle, er lässt sich Prospekte von der Therme in Bad Elster zeigen, lobt das Geschick der Keramikerin am Stand von Meissner Porzellan und verabschiedet sich beim Chemnitzer Verein für Wirtschaftsförderung mit der Parole: „Keine Minderwertigkeitskomplexe.“

„Unsere Stadt wurde als Bühne missbraucht“

Die nicht zu bekommen, ist für Sachsen Tourismusexperten allerdings nicht so leicht: „Unsere Stadt wurde als Bühne missbraucht“, klagt Bettina Bunge, Geschäftsführerin der Dresden Marketing GmbH. „Ich kämpfe jeden Tag darum, dass sich die Leute kommen und selbst ein Bild machen.“ Während sie bei Touristen aus dem Ausland sogar ein Plus verzeichnen kann, bleiben die Deutschen weg, zu präsent seien bei ihnen die Bilder von den Pegida-Märschen. „Das sieht alles so düster und bedrohlich aus“, sagt Bunge, dabei stehe Dresden für Weltoffenheit. So wolle sich die Stadt auch am Tag der Deutschen Einheit präsentieren, der in diesem Jahr offiziell in Dresden gefeiert wird.

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Bis dahin wird sich Sachsens Image längst von Pegida erholt haben, ist Goller überzeugt. Er steht neben dem blauen Schlauchboot, er will, dass die Leute an Rafting denken, nicht an Pegida.

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