Wirtschaft : Trauschein für den Klassenkampf

China in Aufruhr: Die Ehe der Präsidententochter mit einem Internet-Millionär macht die Wirtschaftselite salonfähig

Kathy Chen

Eine heimliche Hochzeit hat Chinas Elite in hellen Aufruhr versetzt. Kaum ein anderes Thema wird derzeit so heiß diskutiert wie die Heirat der Präsidententochter mit einem Internet-Millionär. Nach Aussagen von Freunden des Paares haben sich Ju Haiqing, die Tochter des chinesischen Präsidenten Hu Jintao, und Daniel Mao, Magnat des Internet-Konzerns Sina.com bereits im September auf Hawaii vermählt. Weitere Details sind rar, Personen aus dem Umfeld des Geschäftsmannes waren sogar überrascht zu hören, dass die beiden ein Paar sind.

Das Ereignis wurde zum Stadtgespräch in den Führungskreisen, zu denen heute nicht mehr nur die Abkömmlinge der politischen Elite gehören, sondern auch eine schnell wachsende Gruppe aufstrebender Jungunternehmer. Ein junger Geschäftsmann aus dem Risikokapital-Geschäft sagt, der frisch verheiratete Mao habe ihn nach der Hochzeit durch eine Text-Nachricht informiert. Frau Hu hält sich hinsichtlich ihrer Heirat noch bedeckter. Eine Freundin berichtet, sie habe Ende September eine E-Mail von der Präsidententochter erhalten. Dort stand nur, dass sie geheiratet habe, nicht jedoch wen.

Schon immer haben sich Chinas Herrschende mit der Preisgabe persönlicher Einzelheiten zurückgehalten. Auch ihre Ehepartner und Kinder scheuen traditionell das Licht der Öffentlichkeit. Durch die Hochzeit seiner Tochter mit einem Großunternehmer gerät auch Präsident Hu, der zugleich Chef der kommunistischen Partei ist, in politisch ungewohntes Fahrwasser. Seit seinem Amtsantritt vor knapp einem Jahr hat er gern den Mann der Massen gegeben. Und seine Reisen zu Bauern in entlegenen Regionen sollten zeigen, dass er nicht tatenlos zusehen will, wie der Reichtum Einzelner die Gesellschaft spaltet.

Chauffeure für die Elite

„Die beiden sind füreinander gemacht“, sagt ein Hafenarbeiter in Shanghai gereizt, als er von der Hochzeit hört. „Geld und Macht sind doch sowieso das gleiche.“ Und an Geld fehlt es Mao nicht. Der 40-Jährige, der bis vor kurzem noch Vorstandsvorsitzender des börsennotierten Onlineportals Sina war, wird auf der Liste der reichsten chinesischen Internet-Unternehmer auf Platz 11 geführt. Sein Privatvermögen schätzte man zuletzt auf 35 bis 60 Millionen Dollar. Die 33-jährige Braut erwarb ihren Abschluss an der angesehenen Tsinghua-Universität, wo sie bis 1993 Ingenieurwesen studierte. Ehemalige Studienfreunde beschreiben Frau Hu als nett und unkompliziert. Sie teilte sich das Wohnheimzimmer mit vier anderen Studenten und fuhr an den Wochenenden auf einem klapprigen Fahrrad ihre Eltern besuchen. Im letzten Jahr schrieb sie sich für einen Wirtschafts-Studiengang an der China European Business School in Shanghai ein.

Die Familienangehörigen der politischen Elite genießen eine Reihe von Privilegien wie einen eigenen Chauffeur und exklusive Wohnungen im noblen Wohnviertel Zhongnanhai mitten in Peking. Viele studieren in den USA und nutzen ihre weitreichenden Beziehungen für das spätere Berufsleben. Auf diese Weise kreuzen sich ihre Wege oft mit denen der Wirtschaftselite und Unternehmensgründern wie Herrn Mao.

Dabei wird deutlich, wie die lang gepflegten Klassengegensätze nach einem Vierteljahrhundert von Marktreformen immer weiter verschwimmen. Noch vor kurzem war es üblich, dass die Kinder der politischen Kaste untereinander heiraten. Allenfalls gab man sich mit jemandem aus den „drei ruhmreichen Klassen“ der Arbeiter, Bauern oder Soldaten ab. Private Unternehmer hatten wenig Ansehen, geschweige denn Möglichkeiten, in die Politikerfamilien einzuheiraten.

Unternehmer in der Partei

All dies ist in Bewegung geraten. Vor kurzem hat sich die Führungsspitze dafür ausgesprochen, privaten Gesellschaften die gleichen Kreditbedingungen wie staatlichen Unternehmen zu gewähren. Immer bedeutender wird der Anteil der Privatbetriebe am Steueraufkommen und am Stellenmarkt des Landes. Inzwischen sind private Unternehmer sogar als Parteimitglieder willkommen. „Es ist kein exklusiver Club mehr“, sagt der mit Mao befreundete Risikokapital-Unternehmer, der ungenannt bleiben möchte, um es sich mit dem mächtigen Paar nicht zu verderben. Er kenne eine Reihe anderer Politikerkinder, die mit erfolgreichen Unternehmern liiert sind, fügt er hinzu. „Bei der jüngeren Generation vermischen sich Geld und Macht immer stärker, entweder in Form von Hochzeiten oder Geschäftspartnerschaften.“

Als Mao das letzte Mal für Schlagzeilen sorgte, waren diese weitaus unerfreulicher für ihn. Nach zwei Jahren im Vorstand von Sina gab es im Mai Wirbel um seinen Rücktritt. Das Wirtschaftsmagazin „Caijing“ berichtete, dass Mao vom Vorstand schlicht vor die Tür gesetzt worden sei. Sina-Verantwortliche bezeichnen diese Darstellung als übertrieben. Keinen Zweifel gibt es daran, dass sich Mao eine ansehnliche Versorgung sicherte: Bei seiner Bestellung zum Vorstandschef handelte er Aktienoptionen über zwei Millionen Papiere und ein sechsstelliges Jahreseinkommen über vier Jahre aus.

Nach Informationen, die der US-Börsenaufsicht für die Überprüfung von Insider-Geschäften vorliegen, gehören Mao derzeit mehr als 900000 Sina-Aktien, nachdem er im April bereits 375 000 Stück verkauft hatte. Das Papier wird an der Nasdaq derzeit mit rund 42 Dollar gehandelt. „Vor zehn Jahren hätte die Nachricht noch jeden schockiert“, sagt Juliana Qiu, Managerin bei einem multinationalen Konzern in Shanghai. „Heute ist dagegen auch in China alles möglich.“

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