Trend oder Gefahr? : Cloud Computing: Warnung vor der Wolke

Rechenleistung ins Internet auszulagern gilt als der Trend des Jahres. Viele Firmen wollen vom „Cloud Computing“ aber nichts wissen. Sie sorgen sich vor allem um die Sicherheit.

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Das ist also eine dieser ominösen „Wolken“, über die seit der Computermesse Cebit alle reden. Sie brummt und blinkt und scheint zu atmen. Jedenfalls ist es stickig. Andrea Pape stört das offenbar nicht. „Wie Sie sehen, ist hier alles standardisiert“, ruft die kleine, energische Frau gegen die Rechengeräusche an. Sie geht voran durch den hohen Raum irgendwo in Berlin und zeigt auf die ordentlich gebündelten, dicken Stränge grauer Kabel, die Hunderte von Rechnern in hohen Metallregalen miteinander verbinden. Die Technikerin von Cronon, einer Tochter der Strato AG, ist das Brummen gewöhnt. Die Wolke ist ihr Arbeitsplatz.

Cloud Computing, wörtlich übersetzt „Datenverarbeitung in der Wolke“, wurde vom Hightech-Verband Bitkom zum Trend-Thema des Jahres erklärt. Verbandschef August-Wilhelm Scheer prognostizierte eine kleine Revolution. „Cloud Computing wird die Informationswirtschaft, ihre Technologien und ihre Geschäftsmodelle nachhaltig verändern“, sagte er. Analysten sagen fantastische Wachstumsraten voraus. Alle großen IT-Unternehmen arbeiten an eigenen Cloud-Produkten. Doch die Wolke macht ihrem Namen auch alle Ehre und entzieht sich einer griffigen Definition.

Allgemein versteht man unter Cloud Computing die Auslagerung von IT-Leistungen in das Internet. Ganze Betriebssysteme, einzelne Anwendungen oder einfach Speicherplatz – all das könnten Unternehmen oder Einzelne vom Server im Keller oder vom Computer zu Hause in Rechenzentren wie das von Cronon verlagern und dann über das Netz abrufen – egal, wo sie sich gerade befinden.

Die Idee ist nicht neu, die Technologie auch nicht. Doch mit den zahlreichen mobilen Geräten, vor allem den Smartphones, wird Cloud Computing aktuell. Menschen sind immer mehr unterwegs und wollen von überall auf Daten oder Anwendungen zugreifen. Außerdem gibt es auf den Smartphones kaum Software, die liegt stattdessen im Internet. Heißt das also: Je dümmer die Geräte, desto besser für die Cloud-Anbieter?

Die Server brummen, gut gekühlt

Thorsten Hesse lächelt und nickt. Hesse arbeitet für die Berliner Firma Thinprint, in einer Ecke der brummenden Wolke von Andrea Pape stehen Server und werden gekühlt. Thinprint betreut kleinere Firmenkunden und hat sich auf das Drucken in Netzwerkumgebungen spezialisiert. Daraus haben die IT-Profis nun ihr Cloud-Angebot entwickelt. Menschen, die viel unterwegs sind, sollen auch von überall drucken können, etwa das Zugticket vom Smartphone auf dem Netzwerkdrucker in der Hotellobby.

Doch das Smartphone verfügt über keinen Druckertreiber, schon gar nicht über den jeweils passenden. Deshalb stellt Thinprint die Treiber im Netz zur Verfügung. „Auf unseren Servern liegen mehr als 6000 Druckertreiber“, sagt Hesse. Angesteuert werden sie über eine App, ein spezielles Handy-Programm, das das Unternehmen entwickelt hat und nach Auskunft von Hesse schon 10 000 Mal heruntergeladen wurde. Noch ist es umsonst, soll aber einmal Miete kosten.

Mobilität ist das wichtigste Argument der Cloud-Anbieter. Aber auch mit Kostenersparnis werben sie. „Unsere Kunden können bis zu 30 Prozent sparen“, sagt Albert Hold, Sprecher von T-Systems. Die Telekom-Tochter ist einer der größten Cloud-Anbieter in Deutschland. Der Vorteil, mit dem T-Systems und andere die Unternehmer ködern: Die Server in den großen Rechenzentren lassen sich besser auslasten. Werte von bis zu 80 Prozent erreiche T-Systems, so Hold. Server in Unternehmen müssen hingegen stets auf Leistungshochs ausgerichtet sein, die nur selten gebraucht werden. In den Zentren lässt sich also Strom sparen und die Unternehmen können ihre IT als „grün“ verkaufen.

Die IT-Abteilungen bremsen aus Angst, sich überflüssig zu machen

Trotz dieser Vorteile ist Cloud-Computing in Deutschland längst nicht so weit verbreitet, wie der Bitkom-Verband sich das wünscht. Eine Studie der Marktforscher von IDC ergab, dass sich 75 Prozent der befragten Unternehmen noch gar nicht mit dem Thema beschäftigt haben. Zwar bremsen oft die befragten IT-Abteilungen, um sich nicht selbst überflüssig zu machen. Dennoch dämpft die Zahl die Euphorie. Die Analysten interpretieren sie als „klares Indiz dafür, dass Cloud Computing in Deutschland noch nicht angekommen ist“. Gerade die kleinen und mittleren Unternehmen seien skeptisch, sagt auch Marc Tenbieg, Sprecher des Mittelstandsbundes.

Hauptgrund für die Zurückhaltung ist in vielen Unternehmen die Angst um die Sicherheit der ausgelagerten Daten und Prozesse. Das zeigte eine Umfrage des Virenschutz-Entwicklers McAfee in den USA. Dementsprechend penibel sind die Sicherheitsvorkehrungen der Wolkenbetreiber. Das Rechenzentrum von Strato etwa ist geheim – und das ist üblich.

Wer die Server sehen will, muss durch mehrere Schleusen – und sich schriftlich verpflichten, die Adresse nicht auszuplaudern. Fällt der Strom einmal aus, springt eine Dieselanlage ein, die die Server eine Woche lang mit Energie versorgen kann. Dafür sind 45.000 Liter Diesel gelagert. Und trotzdem: „Für Großkunden sind internetbasierte Systeme meist nicht akzeptabel“, sagt T-Systems-Sprecher Albert Hold. Zu groß ist die Angst vor gehackten Leitungen. T-Systems schließt seine Kunden deshalb über eigene Leitungen an, das Privileg des Netzbetreibers.

Wer sichert den Datenschutz?

All das hilft allerdings nichts, wenn ein Mitarbeiter CDs mit sensiblen Daten klaut. Der Datenschutz ist ein weiterer Grund, warum viele Unternehmen das Cloud-Computing noch skeptisch sehen. Sie geben ihre Daten technisch aus der Hand, bleiben aber juristisch verantwortlich. Auch Datenschützer wie Thilo Weichert vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig Holstein sehen daher im Cloud Computing Gefahren. Die Server, auf denen deutsche Firmen Kunden- oder Mitarbeiterdaten speichern und verarbeiten, könnten theoretisch in Papua-Neuguinea stehen. Das deutsche Datenschutzrecht aber ist nicht über die Landesgrenzen hinaus gültig. „Die Unternehmen, die im Ausland personenbezogene Kunden- oder Mitarbeiterdaten verarbeiten, müssen trotzdem die Standards des deutschen Datenschutzrechts garantieren“, sagt Weichert. Doch wer kontrolliert das? „Dass Daten aus der Cloud verloren gehen, ist eine realistische Bedrohung“, sagt der Datenschützer.

Und schließlich ist die von den Cloud-Anbietern angepriesene Ersparnis manchmal nur auf den ersten Blick eine. Dass Kosten durch eine bessere Serverauslastungen gespart werden, gilt unter Experten als relativ sicher. Wer aber Software nicht kauft, sondern nur mietet, dem könnte es ebenso gehen wie dem, der ein Haus mietet, statt eines zu bauen. „Das Mietmodell kann nach drei bis vier Jahren teurer werden als der Kauf von Software“, sagt Rüdiger Spies, IT-Analyst bei IDC.

Trotz aller Probleme prognostiziert IDC den Wolken ein enormes Wachstum. Weltweit soll das Geschäft mit der Cloud zwischen 2009 und 2013 um 27 Prozent wachsen. Für die IT-Branche insgesamt werde hingegen lediglich fünf Prozent Wachstum erwartet. Für 2013 sagen die Analysten einen weltweiten Umsatz mit Wolken-Dienstleistungen von 43 Milliarden Dollar voraus.

Die Strato AG mit ihrer brummenden Berliner Wolke verbraucht für die 35.000 Server schon jetzt 30 Gigawattstunden Strom im Jahr, so viel wie 5000 Vier-Personen-Haushalte. Auch hier wächst die Wolke beständig. Vielleicht verrät sie ja ihren Standort bald selbst – wenn das Brummen einfach zu laut wird.

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