Wirtschaft : Trendforschung: Wie der Alte Fritz den einfachen Preußen die Kartoffel aufzwang

Finn Mayer-Kuckuk

Antilopen- oder Büffelfell? Sicherlich haben auch die Urmenschen zwischen schön und hässlich unterschieden. Ihren Nachfahren jedenfalls gefiel oft bald nicht mehr, was eben noch zum guten Geschmack gehörte.

Die japanischen Adeligen beispielsweise hatten gegen Ende des Mittelalters schwarz lackierte Zähne einfach über. Zeit für mutige Hofdamen, wieder natürliches Weiss im Mund zu tragen, um den Samurai zu gefallen. Etwa zur gleichen Zeit kamen die Europäer durch Handel mit Arabien auf den Geschmack neuer Genüsse. Kaffee schmeckte den Abendländern zwar erst "wie Ruß und Feigbohnen" - wie eine deutsche Gräfin in Paris zitiert wird. Doch im Gegensatz zum Bier ließ er den Trinkenden nüchtern und geschäftstüchtig bleiben - ganz nach dem Geschmack des protestantischen Bürgertums. In Großbritannien wurde der Kaffee schnell so beliebt, dass im frühen 18. Jahrhundert eine Londoner Wochenzeitschrift als Redaktionsadresse ein Kaffeehaus angab. In den folgenden hundert Jahren veränderte sich der Geschmack der Briten jedoch erneut. Kaffee war "out", Tee "in".

Tee statt Kaffee

Viele unabhängige Kaufleute importierten zwar Kaffee, doch der Großkonzern Ostindische Kompanie konnte als Teeimporteur den Markt durch Kampfpreise und geschicktes Marketing umkrempeln. Vielleicht aber entsprach der Tee auch einfach ein wenig mehr der Vorstellung des englischen "taste". Möglich wurde die Liebe zum Tee allerdings erst, als mit den Teeklippern die technischen Voraussetzungen für den massenhaften Transport geschaffen waren.

Auch wissenschaftliche Erkenntnisse veränderten, was schmeckt. Im 16. Jahrhundert galt Zucker als gesundheitsfördernd. Reichlich mischten die Köche des Adels ihn unter alle Gerichte. In der Aufklärung setzte sich unter Medizinern und Naturforschern dann die Erkenntnis durch, dass er schädlich sei. Der um seine Gesundheit besorgte Adel verlangte andere Menüs. So gab es fortan als Hauptgericht statt zuckriger Puddings gerösteten Truthahn und Salat dazu. Das Süße rückte ans Ende der Speisefolge.

Von allem nur das Beste

Der Philosoph Immanuel Kant fragte sich, ob der gute Geschmack nicht nur ein gesellschaftliches Phänomen sei. "In völliger Einsamkeit wird niemand sich sein Haus schmücken oder ausputzen; er wird es nur gegen Freunde tun, um sich vorteilhaft zu zeigen", schreibt er. Für François Herzog von La Rochefoucauld war der gute Geschmack sogar Statussymbol: "Unsere Selbstliebe nimmt die Verurteilung unseres Geschmacks unwilliger hin als die unserer Ansichten."

Nicht angekränkelt von solchen Feinheiten änderte der Alte Fritz den Geschmack der einfachen Preussen auch schon mal per Befehl. Die Kartoffel wollte in Deutschland lange Zeit keiner essen. Da der Preussenkönig Mühe hatte, seine Untertanen zu ernähren, zwang er sie bei Strafandrohung dazu, die nahrhaften Knollen anzubauen. Mit Erfolg. Obgleich billig, gehören sie heute sogar zur höchsten Küche. Ob der britische Schriftsteller Oscar Wilde, die Verkörperung des dandyhaft Überfeinerten, aber an ihnen Gefallen finden würde? Seine Devise: "Ich habe einen ganz einfachen Geschmack. Von allem nur das Beste."

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