Wirtschaft : Überlebensstrategie mit 32 Bänden und Online-Zugang

MICHAEL J.MC CARTHY

Versteckt im vierten Stock des Britannica-Zentrums in Chicago ist eine Abteilung des Unternehmens damit beschäftigt, wissenschaftliche Rätsel zu lösen.Hat Martin Luther seine 95 Thesen wirklich an die Tür einer deutschen Kirche genagelt? Hat der römische Kaiser Caligula sein Pferd zum Konsul ernannt? Ist Pluto ein großer Planet oder, wie Astronomen neuerdings behaupten, eher ein Mond oder ein Asteroid? Das ist nur eine kleine Auswahl der rund 2000 Anfragen, die Jahr für Jahr bei der Beschwerdeabteilung der ehrwürdigen Encyclopaedia Britannica eingehen.Das 32 Bände starke Nachschlagewerk, das für Generationen von Amerikanern und Europäern zum Inventar gehört, stimmt viele Menschen nostalgisch: weil es sie an nächtliche Hausaufgaben (oder aufdringliche und erfolgreiche Handelsvertreter) erinnert.

Die 231 Jahre alte Encyclopaedia hat harte Zeiten hinter sich.Durch das Internet geriet sie erst in Existenznöte, dann wurde das Netz eine ihrer Haupteinnahmequellen: Nun ist sie eine der wenigen Präsenzbibliotheken, die eine Gebühr verlangen - jährlich etwa 50 Dollar.Mehr als 70 Prozent der Collegestudenten in den USA haben den Onlinezugang zur Britannica abonniert.Schulen zahlen etwa 45 Cents pro Kopf.Um im Internet überleben zu können, muß die Britannica ein verläßliches Archiv anbieten."Wenn man einen Computer besitzt und einen Internetzugang hat, kann man alles ins Netz schicken", sagt Lars Mahinske, einer der Forscher für Britannica."Wir versuchen eine Oase inmitten der Anarchie zu sein." Es ist nicht leicht, Encyclopaedia Britannica auf dem neuesten Stand und richtig zu halten.Das ist die Aufgabe eines Gremiums von 7000 Professoren und Intellektuellen, den fest angestellten "Spürhunden" in der Beschwerdeabteilung.

Britannica hat gerade mit der grundlegenden Überarbeitung ihrer gesamten Datenbank begonnen.Die Mitarbeiter erwarten, daß nach deren Abschluß die Hälfte der Beiträge - nahezu 22 Millionen Wörter - vereinfacht, revidiert oder gestrichen sein wird.Viele Beiträge seien "zu trocken" gewesen, räumt Paul Hoffman, der 43jährige Verleger, ein.Der Mann kam vor zwei Jahren von Walt Disneys Discovery Magazine, um Leben in das staubige Nachschlagewerk zu bringen."Es gab da einige Mathematikbeiträge - über algebraische Topologie - die nicht einmal Experten verstanden haben." Ein Teil der Überarbeitungen sind durch die Beanstandungen ausgelöst worden, die von Professoren, Querulanten oder Spinnern eingereicht werden.Viele dieser Briefe landen im Papierkorb.Zum Beispiel der eines Texaners, der 1997 eine Tirade voller Obzönitäten losließ.Kern seiner unflätigen Beschwerde: Er warf Britannica vor, eine Abneigung gegen die Ostgoten - eine Bevölkerungsgruppe, die sich bereits im finsteren Mittelalter auflöste - zu haben.Stichhaltigere Mitteilungen finden dagegen Beachtung in der Neuauflage, in die auch Einstein, Freud und Henry Ford aufgenommen wurden.So führte ein Brief aus Neuseeland Mahinske auf eine Spur, die den Mythos um Martin Luthers Thesen lüftete.Der Briefschreiber zweifelte, daß Luthers berühmte theologische Ansichten an eine oder an mehrere Türen genagelt wurden.Nach einigen Wochen der Recherche entschloß sich die Britannica-Redaktion, den Luther-Beitrag zu revidieren.In einer Fußnote heißt es nun, es sei historisch bewiesen, daß der Theologe seine Thesen 1517 geschrieben und sie an seine Freunden verteilt habe.Er habe aber nie erwähnt, daß er sie an eine Kirchentür geschlagen habe.

Der 48jährige Mahinske arbeitet seit zwei Jahrzehnten in der Beschwerdeabteilung, die offiziell "Korrespondenz und Forschung" heißt.Dort hat er einen aufgeräumten Schreibtisch mit einem zermatschten Gummihirn als Briefbeschwerer.Der Mann mit einem dicken Schnurrbart unter der Bifokalbrille liebt es, Fehler finden und zu korrigieren - sogar in seiner Freizeit.Kürzlich informierte er den Sears Tower, daß seine Touristenbroschüre die Höhe des 435 Meter hohen Wolkenkratzers 1,20 Meter zu hoch angebe.Eine Sprecherin des Sears Tower räumte, peinlich berührt, den Fehler ein.Als die exakten Worte eines Emma Lazarus Gedichts mit der Zeile "Give me your tired, your poor" - "Laßt Eure Müden und Armen zu mir kommen" - streitig war, nahm ein Mitarbeiter eigens eine Fähre zur New Yorker Freiheitsstatue, um einen Schnappschuß von der Inschrift auf dem Sockel zu machen.

Auch die Geschichte, daß Caligula sein Pferd Incitatus in die Regierung berufen habe, ist Mitarbeitern von Britannica zufolge nach einer genauen Untersuchung in sich zusammengefallen.Aus den Quellen habe sich zwar ergeben, daß der Herrscher seinem preisgekrönten Hengst eine Elfenbeinkrippe und einen Marmorstall gebaut habe.Einen Titel habe er aber nicht erhalten.

Die Encyclopaedia, die jetzt daran denkt, die Beschwerdeabteilung auslaufen zu lassen und die Anfragen in Zukunft direkt an die Mitarbeiter weiterzuleiten, hat eine lange Tradition im Beantworten von Fragen interessierter Leser.1936 gründete sie den "Libary Research Service", einen Forschungsdienst, der den Absatz der Encyclopaedia fördern sollte.Das Gesamtwerk kostete damals 130 Dollar und war in einem Land, das versuchte, aus der Depression herauszukommen, schwer zu verkaufen (heutzutage kostet das Gesamtwerk 1250 Dollar, die aufdringlichen Handelsvertreter gehören der Vergangenheit an).Über viele Jahre hinweg erhielten die Käufer bei Vertragsabschluß einen Gutschein für 50 Fragen, die sie an Britannica stellen konnten.Die Fragen betrafen alle Bereiche des Lebens - von der korrekten Pflege und Fütterung von Würmern in Gefangenschaft bis hin zu der Anzahl von Katzen- und Hundefriedhöfen in Afrika.Nur bei einem Prozent der Fragen waren die Mitarbeiter wirklich überfragt.

Es ist nicht immer leicht, die Texte der vielgepriesenen Encyclopaedia zu schützen.Einmal wurden sie sogar absichtlich sabotiert.An einem schrecklichen Tag im Jahre 1986 entdeckte man bei Britannica, daß ein entlassener Mitarbeiter sich an der Datenbank zu schaffen gemacht hatte.Er hatte alle Erwähnungen von "Jesus" in "Allah" ersetzt.Eine Katastophe.Denn sogar korrigierte Fehler ziehen eine Flut schlechter Publicity nach sich.Vor zehn Jahren teilte ein Leser aus Virginia Britannica mit, daß ein Beitrag zum Fluß Rappahannock einen Damm erwähne, der gar nicht existiere.Nach Überprüfung der Angelegenheit wurde die Erwähnung dieses Dammes aus dem Beitrag gestrichen.Doch der Schnitzer wurde auch der Presse zugespielt, die ihren großen Tag hatte.Eine Zeitung titelte: "Britannica macht einen weiteren verdammten Fehler."

Übersetzt und gekürzt von Birte Heitmann (Deutsche Übernahmen, China) und Svenja Rothley (Handelsstreit USA-Europa, Encyclopaedia Britannica).

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