Wirtschaft : Übernahme: Bayer vor dem Kauf von Aventis Crop-Science

Die Leverkusener Bayer AG will das komplette Agrochemiegeschäft des Pharmakonzerns Aventis kaufen und damit zur Weltspitze der Pflanzenschutzhersteller aufschließen. Aventis und Bayer werden in den kommenden Wochen exklusive Verhandlungen über den Kauf führen. Einen möglichen Preis nannten sie nicht, Branchenkreise gehen von sechs bis acht Milliarden Euro inklusive Schulden aus.

Bayer hat damit Konkurrenten wie BASF und Dow Chemical ausgestochen, die auch als Bieter für Aventis Crop-Science galten. Die Übernahme ist jedoch noch nicht sicher. Die beteiligten Konzerne verhandeln noch über die Haftung für Schwierigkeiten, die Aventis mit der gentechnisch veränderten Maissorte Starlink in den USA hat. Zudem stehen Gespräche mit den Wettbewerbsbehörden an.

Aventis verspricht sich offenbar vom Verkauf an Bayer die geringsten Arbeitsplatzverluste bei Crop-Science. Bayer sei "mit Blick auf finanzielle und soziale Aspekte als geeigneter Partner hervorgegangen", hieß es in einer Mitteilung. Analysten begrüßten die Pläne: "Bayer sollte den Schritt aus strategischer Sicht machen, aber die Vorteile werden sich erst langfristig zeigen", sagte Andreas Heine von der Hypo-Vereinsbank.

Für Bayer-Chef Manfred Schneider kommt die Vorentscheidung wie gerufen. Wenige Monate vor seinem Abschied vom Chefsessel bekommt Bayer nun die Chance, das im internationalen Vergleich bisher zu kleine Agro-Chemiegeschäft voran zu bringen. Schneider: "Durch eine Zusammenführung der beiden Aktivitäten im Pflanzenschutz würde einer der weltweit führenden Anbieter der Branche entstehen - mit Sitz in Europa und globaler Ausrichtung."

Tatsächlich rückte Bayer mit der größten Übernahme der Firmengeschichte auf dem Weltmarkt für Pflanzenschutzmittel auf Platz zwei hinter der Schweizer Syngenta AG. "Die Sparte bietet eine hervorragende Ergänzung für Bayer", sagte Christian Faitz, Chemieanalyst bei der Bank Julius Bär. Während der Konzern im Segment Insektizide bereits stark sei, würde der Zukauf vor allem die Schwäche bei chemischen Mitteln gegen Unkraut (Herbizide) ausgleichen. Im Geschäftsbereich Pflanzenschutz hatte Bayer im vergangenen Jahr mit 7800 Mitarbeitern einen Umsatz von 2,5 Milliarden Euro erzielt. Aventis Crop-Science brachte es mit 15 300 Mitarbeitern auf 4 Milliarden Euro Umsatz, davon allein 2,9 Milliarden Euro mit Pflanzenschutzmitteln. Im Saatgutgeschäft setzte Crop-Science 267 Millionen Euro um und liegt damit im Mittelfeld der Branche. Aventis hält 76 Prozent an Crop-Science, Schering 24 Prozent. Schering könne bei einem Verkauf der Sparte Pflanzenschutzmittel einen Buchgewinn von etwa 650 Millionen Euro einstreichen, hieß es bei der Investmentbank MM Warburg.

Die Aktien von Schering legte am Vormittag in einem festen Gesamtmarkt um rund 1,5 Prozent zu, die Aktien von Bayer um über 0,5 Prozent. Aventis-Titel bewegten sich an der Börse in Paris gegen mittag leicht über dem Vortageswert von 89,45 Euro. Der Bayer-Aktienkurs habe am Dienstag nicht mehr stark reagiert, da die Übernahme-Verhandlungen am Markt bereits erwartet worden waren, sagten Analysten.

Branchenkenner erwarten nach dem vorläufigen Votum für Bayer, dass in den kommenden Tagen vor allem Detailfragen im Mittelpunkt der Verhandlungen mit Aventis stehen werden. So dürften etwa Haftungsrisiken im Zusammenhang mit dem Maisprodukt Starlink auf den Tisch kommen. Aventis sieht sich in den USA millionenschweren Schadenersatzklagen ausgesetzt, weil der gentechnisch veränderte Futter-Mais versehentlich in Lebensmitteln auftauchte.

Offen bleibt, inwieweit Bayer mit kartellrechtlichen Problemen bei der Übernahme rechnen muss. Vor allem die starke Marktstellung des Konzerns bei Insektiziden könnte auf Bedenken stoßen. Falls Bayer einzelne Produktlinien abgeben muss, steht Konkurrent BASF weiterhin für deren Übernahme bereit. Aventis hatte stets darauf bestanden, die Sparte als Ganzes zu verkaufen.

Schering-Vorstandschef Hubertus Erlen sagte dem Handelsblatt, sein Unternehmen sehe keine unlösbaren Kartellprobleme für Bayer. Der Konzern habe insgesamt das "schlüssigste Konzept" für die Übernahme vorgelegt. Die beteiligten Konzerne wollen in den kommenden drei Wochen Verträge abschließen und dann Gespräche mit den Kartellbehörden aufnehmen. Anfang nächsten Jahres soll das Geschäft abgeschlossen sein.

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