Übernahme-Versuch : Kraft hat Appetit auf britische Schokolade

Der US-Lebensmittelkonzern Kraft will den Konkurrenten Cadbury für 11,7 Milliarden Euro kaufen. Doch der einstige Marktführer sperrt sich.

Moritz Honert

Berlin Jetzt also Cadbury. Nachdem die Automarke Jaguar inzwischen indisch ist, HP-Soße einem Franzosen gehört und die gute alte „Times“ einem Australier, droht nun auch noch der Engländer liebster Süßwarenfabrikant unter ausländische Kontrolle zu geraten: Der US-Lebensmittelkonzern Kraft Foods hat ein 10,2 Milliarden Pfund (11,7 Milliarden Euro) schweres Übernahmeangebot gemacht.

Der Firma Cadbury, die mit ihren lila verpackten Riegeln uneingeschränkte Herrscherin über jede Süßwarentheke im Vereinigten Königreich ist und dem deutsche Konsumenten durch die Kaugummimarke Stimorol bekannt sein dürfte, war das allerdings zu wenig. Man glaube an die Eigenständigkeit und die eigenen Wachstumsperspektiven, erklärte der Vorstand in der Zentrale bei Birmingham. Im ersten Halbjahr war der Gewinn um elf Prozent auf 262 Millionen Pfund gestiegen.Verantwortlich war dafür auch das Geschäft in Indien und Südafrika.

„Gepoker“, sagt Patrick Hasenböhler, Analyst bei der Schweizer Privatbank Sarasin über die Absage. Aber schließlich sei es ja die Aufgabe des Vorstands, das Beste für die Aktionäre herauszuholen.

Analysten gehen davon aus, dass Kraft jetzt sein Angebot aufstockt. Momentan bieten die Amerikaner 745 Pence pro Aktie – 30 Prozent mehr, als die Papiere am Freitag wert waren. Mindestens 800 werden es jetzt wohl sein müssen, wenn es Kraft ernst damit ist, zum größten Süßwarenproduzenten der Welt aufzusteigen. Nachdem die Pläne am Montag bekannt wurden, schossen die Cadbury-Papiere um rund 40 Prozent auf 803 Pence in die Höhe. Andere halten sogar einen Preis von 1200 Pence für realistisch. Als Vergleich wird dabei stets die Übernahme des US-Kaugummiherstellers Wrigley durch den US-Süßwarenkonzern Mars angeführt. Mars, der durch den Kauf Cadbury vom Marktführerthron stieß, zahlte 2007 mit 23 Milliarden Dollar rund das Zwanzigfache des Bruttogewinns seines Konkurrenten.

Noch weiter treiben könnte den Preis ein Bieterwettstreit. Beobachter halten es nicht für ausgeschlossen, dass der Schweizer Konzern Nestlé oder der amerikanische Schokoladenhersteller Hershey ebenfalls für Cadbury bieten. Eventuell sogar zusammen, um den Konzern nachher aufzuteilen. Das wäre notwendig, weil die Kartellbehörden eine alleinige Übernahme kaum genehmigen würden. Beide Marken sind bereits auf dem englischen Markt stark engagiert. Nestlé erklärte jedoch, bis 2010 keine größeren Übernahmen geplant zu haben.

Auf dem deutschen Markt dürfte eine erfolgreiche Übernahme wenig verändern. Cadbury ist hierzulande so gut wie nicht vertreten, Kraft hingegen eine etablierte Marke – nicht zuletzt dank der ebenfalls lila Milka. Folgen könnten sich allerdings beim Exportgeschäft zeigen. 40 Prozent der in Deutschland hergestellten Süßwaren gehen ins Ausland. „In den USA würde sich die Macht von Kraft vergrößern“, sagt Torben Erbrath vom Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie. „Das ist ein Markt, der auch für deutsche Süßwarenhersteller wichtig ist.“ Da fast alle hiesigen Produzenten im Vergleich zu Kraft jedoch Nischenproduzenten seien, dürften die Auswirkungen auch hierbei überschaubar bleiben.

Die Engländer reagierten auf den möglichen Verkauf übrigens mit stoischer Gelassenheit. Nicht mal in der Boulevardpresse, die, was die Verteidigung von Nationalheiligtümern angeht, sonst wenig zimperlich ist, gab es einen Aufschrei. „Das interessiert hier keinen, wem Cadbury gehört“ sagt ein Londoner. „Solange es die Riegel noch zu kaufen gibt.“

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