Wirtschaft : Umstrittene Medizin gegen die Arbeitslosigkeit

BERLIN ((kvo)).Die Befürworter der "Billigjobs" hatten einen schweren Stand: "Die ganze Sache sollte schnellstmöglich im Papierkorb verschwinden", sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer.Der ehemalige Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Heiner Flassbeck, sprach von einem "Tohuwabohu, das mit Ökonomie nichts zu tun hat".Die Diskussion um die 630-DM-Arbeitsverhältnisse dominierte die Tagung "Innovation, Vollbeschäftigung und soziale Sicherungssysteme", zu der Arbeitssenatorin Gabriele Schöttler (SPD) am Mittwoch in Berlin eingeladen hatte.

Die jüngsten Vorschläge der Benchmarking-Arbeitsgruppe des Bündnisses für Arbeit, nach denen Einkommen bis zu 2800 DM mit Geldern aus der Arbeitsmarktpolitik subventioniert werden sollten, wurden heftig kritisiert."Geringe Effekte und große negative Nebenwirkungen" prophezeite Arbeitsmarktexperte Gerhard Bosch vom Institut für Arbeit und Technik in Gelsenkirchen für den Fall, daß die Regierung diesen Weg einschlage.Schon die Grundthese der Niedriglohn-Befürworter sei falsch: Zahlen der Organisation of Economic Cooperation and Development (OECD) belegten, daß - im Gegensatz zu früheren Aussagen der OECD - ein statistischer Zusammenhang zwischen niedrigeren Löhnen und mehr Arbeitsplätzen nicht festzustellen sei.Er warnte davor, Gelder aus anderen Arbeitsmarktmaßnahmen abzuziehen und für die Finanzierung von Billigjobs zu verwenden.

Für Joachim Mitschke, Ökonomieprofessor in Frankfurt (Main), sind subventionierte Niedriglohn-Arbeitsplätze dagegen die einzige Möglichkeit, Menschen ohne Berufsausbildung einen Arbeitsplatz zu bieten.Für sie gebe es vor allem bei den Dienstleistungen Arbeit, die ohne niedrigere Löhne nicht nachgefragt werde.Seinen Gegnern warf Mitschke das Fehlen von Alternativen vor.Konzepte, die vor allem auf Qualifizierung setzen, lehnt Mitschke ab: "Wir qualifizieren schon seit Jahren - trotzdem haben wir vier Millionen Arbeitslose."

Für seine Position fand Mitschke im Schöneberger Rathaus allerdings wenig Zustimmung - eine der wenigen, die ihm Schützenhilfe leisteten, war dafür umso prominenter: Christa Müller, Ökonomin und Frau des ehemaligen Finanzministers Oskar Lafontaine (SPD), argumentierte, daß ein subventionierter Niedriglohnsektor die Integration von Frauen in das Berufsleben fördern werde.Der Umgang mit Dienstleistungen im Haushalt, die berufstätige Frauen nicht selber erledigen könnten, sei eine "gesellschaftspolitische Grundsatzentscheidung".Die Erfahrung habe gezeigt, daß Männer diese Arbeiten nicht übernehmen würden.Eine mögliche Alternative sei ein großer öffentlicher Sektor, wie zum Beispiel in Schweden."Wenn man beides nicht will, dann bleibt nur noch der Niedriglohnsektor", sagte Christa Müller.

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