Wirtschaft : UMTS: Risiken belasten die Telekombranche

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Über das Fiasko der französischen UMTS-Lizenzvergabe, bei der nur zwei Bewerber für vier Lizenzen übrig blieben, mag sich Frankreichs Finanzminister Laurent Fabius vielleicht ärgern. Aktienstrategen gewinnen dem Flop durchaus Positives ab: Sie erkennen ein Signal, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die Telekomkonzerne bedenkenlos Unsummen für die neue Mobilfunk-Technologie verpulvert haben. "Unter dem Druck des Marktes achten die Firmen jetzt stärker auf die Erträge", lobt Klaus Martini, Chef für europäische Aktien bei der Fondsgesellschaft DWS.

Nicht nur die DWS, die die Telekombranche vor einigen Wochen auf "übergewichten" heraufstufte, betrachtet die lange Zeit verschmähte Branche neuerdings wieder etwas freundlicher. Nach den teilweise horrenden Kursverlusten im vergangenen Jahr zählen Deutsche Telekom und ihre europäischen Artgenossen nun zu den besten Aktien in einem insgesamt schwachen Marktumfeld. Die niederländische KPN ist mit einem Plus von 35 Prozent seit Jahresanfang größter Gewinner im Euro-Stoxx-50-Index, Spaniens Telefónica und Telecom Italia kommen immerhin auf Kursgewinne von mehr als zehn Prozent. Hilfreich war dabei die Zinssenkung in den USA Anfang Januar, der die Europäische Zentralbank bald folgen dürfte. "Die Telekomfirmen sind wegen ihrer Schulden die Hauptprofiteure der Zinssenkung", sagt Reinhard Pfingsten, der die Fondsgesellschaft Adig berät und die Telekomaktien von untergewichten auf neutral heraufgestuft hat.

Das Umfeld bleibt problematisch

Trotz der jüngsten Kurserholung bleibt freilich klar, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. "Das fundamentale Umfeld für die Branche bleibt problematisch", sagt Pfingsten. "In den nächsten ein bis zwei Jahren wird es kein großes Gewinnwachstum geben." Deshalb will Pfingsten unter den europäischen Ex-Monopolisten nur einen Wert empfehlen: Telefónica, die zwar für die UMTS-Lizenz in Deutschland tief in die Tasche greifen musste, dafür aber in Spanien und Italien günstig zum Zuge kam.

Neben der schwachen Ertragslage sprechen auch andere Faktoren gegen die Branche. So zeichnet sich ab, dass die UMTS-Netze frühestens in drei bis vier Jahren wenigstens die größeren Ballungsräumen einigermaßen abdecken - die erwarteten Milliardeneinnahmen sprudeln also später als erwartet. Weiteres Problem: Um die Schuldenberge abzubauen, wollen diverse Firmen ihre Mobilfunktöchter an die Börse bringen. Den Anfang machte gerade France Télécom mit Orange. Folgen wollen in diesem Jahr noch die Deutschen Telekom, KPN und British Telecom. Dass die Platzierungen nicht einfach werden, spürt derzeit Orange. Die Preisspanne für die Aktie musste gegenüber den ursprünglichen Schätzungen um ein Fünftel gekürzt werden. Immerhin sind die 633 Millionen Aktien von Orange kurz vor Ende der Zeichnungsfrist bereits zweifach überzeichnet. Neben den Aktien will France Télécom auch noch eine in Orange-Aktien wandelbare Anleihe platzieren.

Experten fürchten, dass die Emissionsflut die Kurse der Telekomfirmen unter Druck setzt. "Jede größere Kurserholung wird wahrscheinlich vom neuen Papier ausgelöscht", glauben die Analysten von Commerzbank Securities: "Weder die aktuellen Bewertungen noch die operativen Perspektiven der nationalen Telekomfirmen rechtfertigen eine Kurserholung." Selbst Analysten, die die Branche fundamental durchaus reizvoll finden, glauben nicht an eine sofortige Renaissance. So bescheinigt UBS Warburg Telekomaktien langfristig zwar starke Perspektiven, bleibt auf kurze Sicht aber "vorsichtig", weil es den Aktien an Katalysatoren fehle. Zugleich stuft UBS in einer Branchenanalyse die Preisziele europäischer Telekomaktien gleich reihenweise zurück.

Trotz des durchwachsenen Gesamturteils über die Branche sehen Analysten bei ausgewählten Einzelwerten durchaus Perspektiven. Die Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter etwa, die generell amerikanische und asiatische Telekomwerte höher einschätzt als europäische Titel, hält große Stücke auf den britischen Mobilfunkkonzern Vodafone. Gelobt wird die globale Aufstellung. Zudem habe das Management bewiesen, dass es das Mobilfunkgeschäft effizient führen könne.

Vodafone mit starker Finanzstruktur

Auch für UBS ist Vodafone wegen seiner starken Finanzlage einer von zwei "Frontrunnern" in Europa. Der andere ist Telecom Italia, der ein Kurs von 17 Euro zugetraut wird. Grund: Der Konzern hat sich aus den kostspieligen Schlachten um die UMTS-Lizenzen weitgehend herausgehalten. Zudem seien die Margen im Festnetzgeschäft im europäischen Vergleich hoch. DWS-Mann Martini schließlich achtet bei seinen Favoriten vor allem auf eine solide Finanzstruktur, die er Vodafone und - mit Abstrichen - Telefónica attestiert. Daneben gefällt ihm KPN. Ausschlaggebend sind dabei aber weniger fundamentale Gründe sondern die "übertrieben hohen" Kursverluste 2000.

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