Wirtschaft : Unruhe im Land der Morgenstille

KARL KRÄNZLE

SEOUL .In keinem asiatischen Krisenland erscheinen die wirtschaftlichen Fundamentaldaten zur Zeit in einem positiveren Licht als in Südkorea, dessen Sozialprodukt mehr als das Doppelte der Sozialprodukte von Indonesien, Thailand und Malaysia zusammen beträgt.Seitdem das Land den Internationalen Währungsfonds (IWF) vor etwas über neun Monaten mit großem Widerwillen um Finanzhilfe ersuchte, ist es an der Währungsfront, in der Leistungsbilanz sowie bei den Zinsen und Devisenreserven anscheinend zu eindrucksvollen Fortschritten gekommen.Auf den ersten Blick befindet die kranke Nation sich daher auf dem besten Weg zur Genesung, auf den zweiten Blick freilich schon nicht mehr.

Nachdem die Landeswährung Won am US-Dollar und anderen westlichen Hartwährungen gemessen etwa 50 Prozent seines Außenwerts eingebüßt hatte, legte er wieder 26 Prozent zu.Die Zinssätze für Tagesgeld sind von 30 Prozent auf unter 10 Prozent gefallen; sie befinden sich zur Zeit auf einem Zweijahrstief.Ende August betrugen die Devisenreserven 41,45 Mrd.US-Dollar, fast siebenmal mehr als zu Beginn der Krise.Und in der Leistungsbilanz kam es im ersten Halbjahr zu Überschüssen in Höhe von rund 25 Mrd.Dollar, nachdem in der vergleichbaren Vorjahresperiode Fehlbeträge von über 10 Mrd.Dollar resultiert hatten.

Diese scheinbar eindrucksvolle Entwicklung hat manche Strategen bewogen, Südkorea in ihren Asien-Portefeuilles überzugewichten.So meinte Sadiq Currimbhoy bei Merrill Lynch in Hongkong gegenüber Investoren, die steigenden Überschüsse in der Leistungsbilanz seien ein Indiz dafür, daß die Unternehmen unrentable Investitionen verringern und Fortschritte bei der Schuldenreduktion machen.Anderer Meinung ist Stephen Marvin von der asiatisch-britischen Investmentbank Jardine Fleming (JF) in Seoul, der nach wie vor zu einer Untergewichtung von Südkorea im Asienportefeuille rät.Er begründet die Empfehlung damit, daß die außerordentlich geringe Nutzung der Produktionskapazitäten nicht mehr genügend Cash flow für die Unternehmen generiere und daß die Überschüsse im Außenhandel und in der Leistungsbilanz keinen Beitrag zur Rettung des Landes leistete.Die Überschüsse sind vor allem auf den außerordentlich massiven Einbruch bei den Importen zurückzuführen; auch die Ausfuhren bilden sich weiterhin zurück, um 3,1 Prozent im Mai, 4,6 Prozent im Juni und schließlich sogar um 13,7 Prozent im Juli.JF-Ökonom Stephen Marvin weist auch darauf hin, daß zur Zeit faktisch nur noch die fünf größten Chaebol (Mischkonzerne) sich mit der Ausgabe von Bonds neues Betriebskapital beschaffen können, für die mittelgroßen und kleineren Konzerne kommt das angesichts der hohen Risikoprämien, nicht mehr in Frage.

In den südkoreanischen Medien ist häufig von "Big Deal" die Rede, der das Land der Morgenstille aus der Krise führen soll wie Roosevelts New Deal die USA vor über einem halben Jahrhundert.Gemeint ist eine fundamentale Restrukturierung mit sogenannten asset swaps.Ein Beispiel lieferte neuerlich eine Ankündigung der größten Chaebol, die zu einer substantiellen Reduktion von Überkapazitäten führen soll.Die Mischkonzerne erklärten sich zur Konsolidierung der sich zwischen ihnen überlappenden Tochtergesellschaften in sieben Industriestaaten bereit.Die Erfahrung mit allen diesen Absichtserklärungen zeigt jedoch, daß am Ende nur wenig davon wirklich auch in die Praxis umgesetzt wird.Auch die Bewältigung der Bankenkrise - Herzstück der ehrgeizigen Strukturreform - beeindruckt bislang wenig.Kürzlich ist die dritte Fusion in anderthalb Monaten angekündigt worden.Kookmin Bank fusioniert mit Korea Long Term Credit Bank zu einem der stärksten Institute im Land.Aufs Ganze gesehen bleiben alle in die Wege geleiteten Reformschritte jedoch unzureichend.

Für Stephen Marvin von Jardine Fleming liegt die Hauptursache der Krise in der riesigen Unternehmensverschuldung, die er auf 500 Mrd.US-Dollar schätzt.Das sind 164 Prozent des im Jahr 1997 erwirtschafteten Bruttoinlandprodukts (BIP).Wenn die Regierung nicht sofort radikale Maßnahmen ergreife, dann stürze Korea im kommenden Jahr aus der Rezession in eine Depression, sagt Marvin."Mein Job ist es, für unsere Kunden Geld zu machen oder ihnen Verluste zu ersparen", sagt er."Im Moment geht es so stark bergab, daß ich mich auf die Vermeidung von Verlusten konzentrieren muß".Sobald Korea jedoch das Richtige unternehme, werde er für Südkorea eine aggressive Investitionsstrategie empfehlen.

Was ist das Richtige? Der Bruch mit dem gefährlichen Status quo, lautet die Antwort der Ökonomen: Korea braucht eine markante Abschreibung der Schulden, die Liquidation schwerkranker Firmen und Kapital aus dem Ausland zur Rekapitalisierung des Bankensystems.

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