Unternehmensrethorik : Von Gehalt und Gehältern

Kann man anhand der Reden der Vorstandschef die Lage eines Unternehmens bewerten? Ja, das kann man, sagt ein Unternehmensberater. Doch der vorgelegte Zusammenhang zwischen Länge der Rede und dem Gesundheitszustand des Betriebes hinkt.

Kevin Hoffmann

Schweigen sollen sie ja nicht, die Vorstandsvorsitzenden der Dax-Konzerne. Oder doch? Wie auch immer – weniger reden ist offenbar auch schon Gold. Das legt jedenfalls eine neue Untersuchung nahe. Ein Team rund um den Hamburger Unternehmensberater Kay Baden von der Kirchhof Consult AG hat die Reden der Top-Manager untersucht, die sie auf ihren Hauptversammlungen gehalten haben.

Empirisch überprüfbare Tatsache ist: Die kürzeste Rede hielt in diesem Jahr BASF-Chef Jürgen Hambrecht. Sein Manuskript enthielt exakt 14 260 Zeichen, was etwa sieben Seiten entspricht. Die längste Rede aller 27 untersuchten Ansprachen – die drei Dax-Konzerne Post, Linde und Infineon mochten die Manuskripte nicht veröffentlichen – hielt Georg Funke, der Chef von Hypo Real Estate. Sein Text enthielt 55 524 Zeichen, das sind mindestens 27 Seiten.

Es fällt auf: Der weltgrößte Chemiekonzern BASF steht, trotz jüngster Produktionseinschränkungen, solide im Geschäft. Hypo Real Estate dagegen ... tja, Finanzkrise eben. Nun liegt die Schlussfolgerung nahe: Je besser ein Unternehmen wirtschaftlich dasteht, desto weniger muss der Chef sagen. Oder im Umkehrschluss: Je länger ein Chef redet, desto mehr muss er erklären, sich rechtfertigen oder wenigstens versuchen, so viel Langeweile herzustellen, dass die versammelten Aktionäre schläfrig werden.

Solche Interpretationen macht sich Berater Baden nicht zu eigen. Denn die Dauer einer Rede sagt nicht viel über die Qualität aus, aber die hat er auch analysiert. „Von wenigen Ausnahmen wie der Rede des Adidas-Chefs Hainer abgesehen, waren alle Reden reine Vergangenheitsbewältigung“, sagt Baden. Viel zu viele Worte über die Zahlen des abgelaufenen Jahres. Viele Floskeln, schiefe Sprachbilder. Kaum etwas über die strategische Ausrichtung, Visionen. Dabei besteht aktienrechtlich lediglich eine Pflicht, die Zahlen schriftlich zu veröffentlichen. Niemand zwingt Ackermann und Co., die Zahlen mündlich stundenlang zu referieren.

Baden fand übrigens die Rede von Siemens-Chef Peter Löscher (16 Seiten) sehr gut. Dabei hat auch der Technologiekonzern genug Probleme. Im kommenden Jahr wollen die Unternehmensberater die Reden noch genauer untersuchen. Vielleicht prüfen sie dann auch, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Gehalt einer Rede und dem Gehalt des Redners gibt.

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