Wirtschaft : US-Airline-Aktien haben nur Schrottwert

Ratingagenturen und Analysten sehen kein Ende der Krise/United will weitere 1250 Stellen streichen

Walter Pfaeffle

New York. „United ist zurzeit mit der größten Herausforderung seiner Geschichte konfrontiert“, musste Glenn Tilton, Chef der amerikanischen Fluggesellschaft United Airlines, am Montagabend einräumen. Die Konsequenz: United streicht 1250 Stellen. Damit sollen Kosten in Höhe von 100 Millionen Dollar pro Jahr gespart werden. Doch die Lage bleibt bedrohlich: UAL Corporation, die Muttergesellschaft der zweitgrößten US-Fluggesellschaft, kämpft ums Überleben.

United reiht sich ein in die Liste der amerikanischen Fluglinien, die in den vergangenen Tagen neue Hiobsbotschaften verkünden mussten. Die drittgrößte US-Fluglinie, Delta Airlines, kündigte nach massiven Verlusten im dritten Quartal an, bis zu 8000 weitere Jobs zu streichen. Continental Airlines und Northwest Airlines, die viert- und fünftgrößten US-Fluggesellschaften, haben im dritten Quartal rote Zahlen geschrieben. Getoppt wurden die Negativschlagzeilen von der weltgrößten Fluglinie American Airlines. Sie hat allein im dritten Quartal mehr als 900 Millionen Dollar Verlust eingeflogen.

Die Ursachen der Krise bei den Airlines sind bekannt: Geschäftsreisende steigen von der teuren Business Class in die „Holzklasse" um, Touristen machen zunehmend Urlaub im eigenen Land und die US-Regierung lässt aus Furcht vor weiteren Terrorangriffen kostspielige Sicherheitssysteme einbauen. Zahlen müssen die Airlines. Die Folge ist, dass sich die miserable Finanzlage der Unternehmen weiter verschlechtert.

US-Investor Warren Buffett ratlos

Wall-Street-Banken haben die Ratings der meisten Carrier auf hochspekulativ, sprich „Junk" oder Schrottwert herabgestuft. US Airways hat ein Gläubigerschutzverfahren eingeleitet, UAL versucht dies händeringend zu verhindern. Der Investor Warren Buffett sagte kürzlich, die Anleger würden heute besser dastehen, wenn die Gebrüder Wright in Kitty Hawk abgestürzt wären. Recht hat er wahrscheinlich. Der Verband Air Transportation Association erwartet bei den Fluggesellschaften in diesem Jahr mehr als acht Milliarden Dollar Verlust nach 7,7 Milliarden Dollar Minus im letzten Jahr. Die von der Irak-Krise ausgehende Unsicherheit verschlimmert nach Einschätzung von Analysten die Genesung der führenden Airlines.

Angst vor einem Krieg, so der Analyst Michael Linenberg von Merrill Lynch, belastet die Papiere von Delta, Continental und Northwest, die über große internationale Streckennetze verfügen. Obwohl die Branche dabei ist, Kosten und Kapazitäten zu drosseln und Verträge mit den Gewerkschaften zu überprüfen, wird dieser Prozess in Linenbergs Urteil Zeit in Anspruch nehmen. Mit einer Rückkehr in die Gewinnzone rechnet er vor 2004 nicht. Deshalb hat er sein Rating für jede der drei Gesellschaften von „kaufen“ auf „neutral“ herabgestuft. Doch nicht nur der Krieg belastet, so James Higgins von Credit Suisse First Boston. Auch unterfinanzierte Pensionskassen könnten bald zu einem ernsten Problem für die Gesellschaften werden.

Pensionskassen als ernstes Problem

„Ich sehe in den kommenden Monaten keine Besserung", sagt Ron Stewart, Consultant bei Accenture. Es komme für die Airlines darauf an, die Umsatzausfälle aufzufangen, die durch das Umsteigen der Geschäftsreisenden auf Economy entstehen. Eine Möglichkeit wäre die Einstellung der kostenlosen Bord-Verpflegung, wie es bei der Bahn längst üblich ist. „Bald wird man zwischen Full-Service-Airlines und Billigfliegern keinen Unterschied mehr sehen, mit der Ausnahme, dass das Fliegen teurer geworden ist", sagt David Stempler, Präsident des Verbands Air Travelers Association, der für die Interessen von Flugreisenden eintritt. Nach den Terrorattacken vom 11. September war der Staat den Airlines mit Überbrückungskrediten in Höhe von 15 Milliarden Dollar zur Hilfe geeilt. Allerdings hatte der Abschwung wegen der schwachen Konjunktur vorher begonnen. Jetzt bemühen sich die Bosse der Fluglinien um weitere Staatskredite.

Laut Delta-Chef Leo Mullin muss die Branche für Sicherheitsmaßnahmen vier Milliarden Dollar im Jahr investieren. Die Airlines fordern, dass der Staat diese Kosten trägt. Gesetzesvorlagen für Kredite von 1,5 Milliarden Dollar liegen seit Wochen unbearbeitet im Senat und Repräsentantenhaus.

Doch so trübe der Ausblick für die Airlines aussieht, vier der sechs größten Carrier könnten nach einer Studie der Investmentbank Salomon Brothers einen zeitlich begrenzten Krieg und eine Rezession selbst dann überstehen, wenn der Staat keine weitere Finanzhilfe erteilt und die Gewerkschaften zu keinen Zugeständnissen bereit sind. Analyst Brian Harris meint mit Blick auf die Aktien, mögliche Insolvenzen seien in den Kursen schon enthalten. Schlimm werde es für die Airlines erst, wenn sich der Irak-Krieg hinausziehe. Für Krisen am besten gewappnet sind laut Harris Northwest und Delta, doch auch American und Continental würden überleben.

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