Wirtschaft : US-Wirtschaft: Fachleute vor Fed-Sitzung uneins

Sandra Louven

Mit besonderer Spannung erwartet man an der Wall Street das Ergebnis der Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Zentralbank Federal Reserve (Fed) an diesem Mittwoch. Die Finanzmärkte sind in ihren Erwartungen gespalten, um wie viel Prozentpunkte die Fed auf ihrer Tagung in Washington die Leitzinsen senken wird. Etwa die Hälfte der großen Banken plädiert für eine Senkung um 25 Basispunkte, die andere Hälfte erwartet eine Rücknahme um 50 Prozentpunkte.

Eine Kürzung um 25 Basispunkte würde gemeinhin als Zuversicht der Federal Reserve in die US-amerikanische Wirtschaft gewertet. Den Märkten würde eine solch moderate Senkung signalisieren, dass Fed-Chef Alan Greenspan das Risiko einer Rezession für relativ gering hält und sich der Zinssenkungszyklus dem Ende zuneigt. 50 Basispunkte hingegen deuteten darauf hin, dass sich Greenspan weiter mehr Sorgen um das schwache Wirtschaftswachstum macht als um mögliche Inflationsrisiken.

"Alan Greenspan ist im Fed-Vorstand derjenige, der am aggressivsten vorgeht und am wenigsten Angst vor einer steigenden Inflation hat", sagt Kathleen Stephansen, Direktorin des Global Economic Research bei Credit Suisse First Boston. Gegen einen verstärkten Geldwertverlust sprechen ihrer Meinung nach der starke Dollar, die geringe Kapazitätsauslastungen, und noch immer hohe Lagerbestände der US-Unternehmen. Zusammen mit dem erneuten Rückgang der Industrieproduktion im Mai spreche dies eher für eine Senkung um 50 Basispunkte.

"Es wird dieses Mal jedoch schwer sein, einen Konsens im Offenmarktausschuss der Fed herzustellen", prophezeit Stephansen. Denn der Konsum sowie das Konsumentenvertrauen haben sich stabilisiert und auch die Arbeitslosenquote ist im Mai verglichen mit April von 4,5 auf 4,4 Prozent gefallen. Letztlich erwartet Credit Suisse First Boston daher nur eine Senkung um 25 Punkte.

Die Ökonomen von Lehman Brothers geben zu bedenken, dass die Fed die letzten Zinsrunden 1994 und 2000 stets mit einer Änderung um 50 Basispunkte abgeschlossen habe, anstatt ihre Schritte langsam zu verkleinern. Sie sehen daher eine 70-prozentige Wahrscheinlichkeit für eine Senkung um 50 Punkte. Dafür sprechen Lehman Brothers zufolge auch das negative Wachstum, das sie für Europa erwarten und die beginnende Rezession in Japan. Die Experten von Goldman Sachs plädieren ebenfalls für eine Senkung der Leitzinsen um 50 Basispunkte: "Wir glauben, dass die Fed meint, die Risiken, zu viel zu tun sind geringer als die Risiken, wenn sie zu wenig tut." So sei die ausländische Nachfrage nach US-Gütern in den vergangenen drei Monaten mit einer Jahresrate von 13,4 Prozent gefallen - dem schwächsten Ergebnis seit 1992.

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