Wirtschaft : Vattenfall kassiert das Bewag-Vermögen

Berliner Stromversorger finanziert seinen eigenen Verkauf – trotzdem startet Vattenfall Europe mit hohen Schulden

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Berlin (fo). Der Berliner Stromversorger Bewag geht schuldenfrei und mit 2,9 Milliarden Euro Eigenkapital in die Ehe mit Vattenfall Europe. Unterm Strich wird die Bewag den VattenfallChef Lars Josefsson praktisch nichts kosten. Das geht aus internen Unterlagen hervor, die dem Tagesspiegel vorliegen. Die Schweden hatten vor einem Jahr 3,3 Milliarden Euro für die Bewag bezahlt.

Die Bewag ist die Kernsubstanz der neuen Vattenfall Europe. Nur: Der neue Energiekonzern wird etwa 4,7 Milliarden Euro Schulden aber nur 1,3 Milliarden Euro Eigenkapital ausweisen. Das haben interne Berechnungen ergeben, die dem Tagesspiegel vorliegen. Die Verschuldungsquote liegt bei mehr als 60 Prozent. Für die 10 000 Bewag-Kleinaktionäre eine schwere Entscheidung: Sie sollen Ende Januar auf der Hauptversammlung ihr sicheres Witwen- und Waisen-Papier gegen die Aktie eines hochverschuldeten Unternehmens tauschen.

Grund ist auch die komplizierte Entstehungsgeschichte. Nicht die Bewag mit ihrer gut gefüllten Kriegskasse spielte den aktiven Firmenaufkäufer. Statt dessen hatte sich Vattenfall Schweden bei der Hamburger HEW eingekauft. Die musste auf Geheiß der Stockholmer Zentrale erst Laubag und Veag und am Ende die teure Bewag übernehmen und sich dafür hoch verschulden. Jetzt wird alles verschmolzen zur neuen, an der Börse notierten Vattenfall Europe mit Sitz in Berlin. Und die startet mit schwerem Erbe.

Für den Vorstandschef der Europatochter, Klaus Rauscher, dürfte die Marschrichtung klar sein: Zügige Integration, dann schnelle Entschuldung. Die Frage ist nur wie? Denn auch die Stockholmer Muttergesellschaft, die staatliche Vattenfall AB, ist hoch verschuldet. Die Netto-Verbindlichkeiten lagen Mitte 2002 bei umgerechnet 7,8 Milliarden Euro, das Eigenkapital nur bei 4,4 Milliarden Euro.

Kritiker der Viererfusion in Deutschland spekulieren, dass Josefsson sich bald nach einem finanzkräftigen Partner für seine Europatochter umsehen wird. Gaz des France oder Energie Baden Württemberg (EnBW) werden genannt. Aus naheliegenden Gründen. Die Franzosen sind schon jetzt Mitgesellschafter bei der gemeinsamen Tochter Gasag, EnBW war Veag-Aktionär und ist jetzt Anteilseigner von Vattenfall Europe.

Erst einmal schlägt jedoch die letzte Stunde der Berliner Kraft- und Licht- (Bewag) Aktiengesellschaft. Nach 119 Jahren verabschiedet sich der Energieversorger am 31. Januar mit seiner letzten Hauptversammlung vom Börsenzettel. Knapp 1000 Aktionäre werden in Berlin erwartet und die müssen der Verschmelzung ihres Unternehmens mit der neuen Vattenfall Europe zustimmen.

Zwar bleibt der Name Bewag als Strommarke erhalten, das Vermögen des Stromversorgers geht aber in dem neuen Konzern auf. Und die alte Bewag kann sich sehen lassen: Weil systematisch eine eigene Kriegskasse aufgebaut (aber nie genutzt) und zuletzt kaum noch investiert wurde, ist die Bewag finanziell hervorragend ausgestattet und schuldenfrei. Allein die Gewinnrücklagen des Unternehmens betragen 2,35 Milliarden Euro. Die Bewag mit allem Drum und Dran wird nach einem Gutachten von Pricewaterhouse Coopers mit 3,18 Milliarden Euro bewertet – die gesamte Vattenfall-Europe-Gruppe mit 4,48 Milliarden Euro. Fast drei Viertel der Substanz des neuen Konzerns stellt damit die Bewag. Zur Vorbereitung der Fusion war die Bewag neu bewertet worden. Vattenfall hatte festgestellt, dass der bisherige Buchwert der Bewag mit rund 2,2 Milliarden deutlich unter dem Kaufpreis von 3,3 Milliarden Euro lag. Im Zuge der Verschmelzung hätte diese Differenz als Verlust gebucht werden müssen, was die Schweden natürlich nicht wollten. Ergebnis des Analysen: Die Bewag könnte bis zu 2,3 Milliarden Euro höher bewertet werden.

Vattenfall wollte nur die Lücke zum Kaufpreis schließen. Man entschied sich letztlich für 1,1 Milliarden Euro, was andere Bewag-Aktionäre keineswegs erfreut. Denn vom Bewag-Firmenwert hängt auch das angebotene Umtauschverhältnis von einer Bewag-Aktie in 0,5976 Vattenfall-Aktien ab. Auf der Hauptversammlung wird es daher noch einmal Streit um die Bewertungsfragen geben. Doch können die freien Aktionäre letztlich kaum etwas ausrichten: Vattenfall kontrolliert knapp 90 Prozent aller Bewag-Aktien. Allenfalls Klagen vor Gericht könnten den Fusionsprozess stoppen. Bis jetzt gibt es keine Anzeichen dafür.

Bereits abgeschlossen ist der Umtausch von HEW-Aktien in Vattenfall-Papiere. HEW brachte wegen der Übernahmen von Bewag, Laubag und Veag vor allem Schulden ein. Die Verbindlichkeiten betrugen in der letzten eigenständigen Bilanz rund 2,1 Milliarden Euro. Hinzu kommt der Berliner Kraftwerksbetreiber Veag, der das Schuldenkonto mit weiteren 2,9 Milliarden Euro Krediten strapaziert. Das Geld brauchte die Veag zur Modernisierung ihrer maroden Braunkohlekraftwerke in der Lausitz. Doch solche Schuldenberge kann selbst eine Bewag mit ihrer gut gefüllten Kriegskasse nicht ausgleichen.

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