Wirtschaft : Viele Flops und noch mehr Hoffnungen

Rote Zahlen in den Anlegerdepots und kein Ende der Vertrauenskrise: Im dritten Jahr in Folge verliert die Börse. Doch die Experten machen sich Mut für 2003.

Henrik Mortsiefer

Mit großen Hoffnungen bereitet sich die Finanzwelt auf das kommende Jahr vor. Neue Chancen und frisches Kapital sollen die Wende an den internationalen Börsen bringen und Trost spenden. Denn die Bilanz der vergangenen zwölf Monate fällt negativ aus: Die meisten Anleger haben Geld verloren, Millionen Depots stehen im Minus. Kaum ein Unternehmen wagt noch den Gang aufs Parkett, den Emissions- und Investmentbanken geht das Geschäft aus. All das soll sich im neuen Jahr ändern, sagen die Experten. – So oder so ähnlich lasen sich vor gut einem Jahr die Ausblicke auf das Börsenjahr 2002.

Es ist dabei geblieben. Das dritte Jahr mit Kursverlusten in Folge geht zu Ende und kurz vor dem Jahreswechsel richten sich die Hoffnungen der kleinen und großen Anleger wieder auf das, was kommt. An der Börse, das hat auch 2002 bewiesen, werden Erwartungen gehandelt. Besser: Enttäuschungen. Bei der Auswahl der Aktien-Tops und -Flops des Jahres fällt die erdrückende Mehrheit der Abstürze und Ausfälle auf. Keines der 30 im Dax notierten Unternehmen kann Ende Dezember einen Kursgewinn verbuchen. Vom Neuen Markt ganz zu schweigen. Nur knapp 20 der 241 dort notierten Werte liegen im Plus. Ein Grund mehr für die Deutsche Börse AG, das von Skandalen gebeutelte Börsensegment zu schließen und neu zu ordnen. Pech hatten auch die wenigen Unternehmen, die 2002 Mut bewiesen und an die Börse gingen. Von den neun deutschen Neuemissionen – 2001 waren es noch 21, im Jahr zuvor 139 – fielen acht unter ihren Ausgabepreis. Mit einer Ausnahme: Erotic Media. Der Pornoproduzent und Rechtevermarkter weckte die Lust der Anleger und bescherte Erstzeichnern der Aktie einen Gewinn von satten 50 Prozent.

Ob sich das Börsenklima im kommenden Jahr bessert und mehr Unternehmen als 2002 an den Markt lockt, wagen selbst Kenner nicht vorauszusagen. Auf der kurzen Liste der Börsenaspiranten finden sich Unternehmen, die schon 2002 vergeblich Anlauf genommen haben. Darunter die Telekom-Tochter T-Mobile. In Wartestellung befinden sich auch eine Reihe kleinerer Biotechnologie- und Pharmafirmen, die nach dem abgeflauten Boom auf eine neue Chance hoffen.

„Der Boden scheint gefunden“, machen sich die Börsenstrategen der Commerzbank in ihrem Ausblick für 2003 Mut. „Bewertungstechnisch“ bestünden „keine Probleme mehr für den Markt“. Das heißt: Viele Aktien sind so preiswert wie seit Jahren nicht, die Unternehmensgewinne steigen nach dem Kostenabbau wieder, die Zinssenkung der Zentralbanken wirkt. Doch was hilft es, wenn die Vertrauenskrise der Anleger kein Ende findet und niemand mehr bei den Aktien zugreifen will. Das Schweizer Bankhaus Wegelin beschließt 2002 als ein „Jahr der Erkenntnisse“. „Erkenntnisse zuhauf“, heißt es im aktuellen Anlagekommentar. „Aber Lösungen?“ Die Schweizer empfehlen Anlegern, nicht darauf zu warten, dass der Aufschwung wie Manna vom Himmel fällt. „Vermutlich bräuchte es zur Rückgewinnung von Vertrauen nur ein Quentchen mehr Selbstvertrauen.“

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