Wirtschaft : Viele haben richtig Angst

Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke hat den Finanzmarkt mit seinem Sparkurs überzeugt – aber Tausende Mitarbeiter fürchten um ihre Jobs

Corinna Visser

Berlin. Nach einem Jahr an der Spitze der Deutschen Telekom hat Kai-Uwe Ricke viel von dem erreicht, was er bei seinem Antritt versprochen hat. „Glaubwürdigkeit und Vertrauen“ wollte er in dem Konzern wiederherstellen, der im Jahr 2002 durch eine tiefe Krise ging. „Er ist gut vorangekommen“, sagen Analysten und Fondsmanager. Sie sagen aber auch, dass der Sparkurs, die Senkung der Schulden und der Abbau der Arbeitsplätze bereits zuvor eingeleitet wurden. Die Einschätzung, dass sein Vorgänger Ron Sommer den gleichen Weg gegangen wäre, hört man oft. Dennoch hat Ricke den Konzern verändert, ihm eine neue Führungsstruktur und ein neues Leitbild gegeben. Nur für viele Mitarbeiter fällt die Bilanz weniger positiv aus.

Der heute 42-jährige Ricke galt in der Öffentlichkeit nicht als erste Wahl, als der Aufsichtsrat ihn am 14. November 2002 zum Vorstandschef berief. Das ist vergessen. „Entschuldung und Wachstum“ hat Ricke dem Konzern verordnet und kann Erfolge vorweisen: Der Schuldenberg der Telekom ist um mehr als 13 Milliarden Euro auf etwa 51 Milliarden Euro geschrumpft. Bereits im ersten Quartal 2003 kehrte das Unternehmen in die Gewinnzone zurück, nachdem es im vergangenen Jahr wegen Sonderabschreibungen einen Rekordverlust von knapp 25 Milliarden Euro verbucht hatte. Dabei hielt Ricke an der Strategie der vier Geschäftsfelder – Festnetz, Mobilfunk, Internet und Systemgeschäft – fest und trennte sich auch nicht von der Mobilfunktochter in den USA, wie es viele gefordert hatten.

Der Bruch fand im Inneren statt. „Ich bin ich“, sagte Ricke bei seinem Antritt. Und das bedeutete vor allem, dass er anders als Ron Sommer bereit war, Verantwortung abzugeben. Hierarchien wurden abgebaut. Die in „charismatische, patriarchalische Führung verstrickte Telekom“ habe genau dieses deutliche Kontrastprogramm gebraucht, sagt Managementberater Reinhard Sprenger. „Ricke ist nicht charismatisch. Er ist den Menschen freundlich zugewandt und gibt ihnen Freiraum.“ Mehr Verantwortung liegt nun direkt bei den vier Konzernsparten. Und der Freiraum ist so groß, dass mancher Beobachter schon von einem unkoordinierten Vorgehen der vier Sparten spricht. Andere nennen es Wettbewerb.

Auch wenn Ricke kooperativ führt, die Ziele gibt er vor. Sechs Werte hat er formuliert und daraus das neue Leitbild „T-Spirit“ geschaffen: Steigerung des Konzernwerts, Partner für den Kunden, Innovation, Respekt, Integrität, Top Exzellenz. „Die Aussage dieser Dinge ist leer“, sagt Managementberater Sprenger. Es gehe aber nicht um die Inhalte. „Es geht darum, das Unternehmen zu irritieren, zu stören, in der Hoffnung, dass es in die gewünschte Richtung geht.“

Die Irritation ist gelungen. Die Mitarbeiter grübeln noch, was es genau bedeutet, wenn es unter „Top Exzellenz“ heißt, dass Fehlverhalten nicht toleriert werde und wer aus Fehlern nicht lerne, bei der Telekom am falschen Platz sei. Aber im Grunde haben die Mitarbeiter andere Sorgen. Denn bei einer Aufgabe steht die Telekom noch ganz am Anfang. Bis Ende 2005 sollen allein in Deutschland rund 40000 Stellen abgebaut werden. „Da kann er mit so einem weichen Thema wie T-Spirit ruhig kommen. Das nimmt ihm keiner ab“, heißt es aus dem Betriebsrat.

Jede Niederlassung hat eine Clearingstelle, die entscheidet, welche Stellen gestrichen werden. Die betroffenen Mitarbeiter (bisher knapp 10000) werden in die Personalagentur Vivento versetzt. Die soll ihnen neue Arbeit verschaffen – bisher mit geringem Erfolg. Anfang Dezember wird es eine neue große „Clearingwelle“ geben, denn bis Jahresende sollen 15000 bis 18000 Mitarbeiter bei Vivento sein. „Es gibt viele, die richtig Angst haben“, sagt eine Mitarbeiterin.

Inzwischen versucht Telekom- Personalvorstand Heinz Klinkhammer andere Wege zu finden: Er will die Arbeitszeit für rund 100000 Mitarbeiter um zehn Prozent kürzen – und so 10000 Stellen sichern. Da die Mitarbeiter dabei auf Lohn verzichten müssten, hat die Gewerkschaft schon einmal abgewinkt.

Die Lösung des Problems überlässt Ricke seinem Personalchef. Muss er auch. Denn weil die Telekom auf dem Weg „Entschuldung und Wachstum“ so weit vorangekommen ist, wartet der Kapitalmarkt schon wieder auf neue Visionen. Denn die Anleger können mit einem Kurs der T-Aktie bei 13,50 Euro noch nicht zufrieden sein.

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