Volkswagen startet Rückrufaktion : Was VW-Kunden jetzt wissen müssen

In diesem Jahr müssen in Deutschland 2,5 Millionen Volkswagen in die Werkstatt – in einigen Regionen könnte es eng werden.

Softwareupdate oder Umbau. Insgesamt rund 2,5 Millionen Volkswagen müssen in die Werkstatt.
Softwareupdate oder Umbau. Insgesamt rund 2,5 Millionen Volkswagen müssen in die Werkstatt.Illustration: Pieper-Meyer

Es ist die größte Rückrufaktion in der Geschichte der deutschen Automobilindustrie: Ende dieses Monats beginnt der VW-Konzern damit, in Deutschland rund 2,5 Millionen Diesel-Fahrzeuge in die Werkstätten zu rufen. Die Aktion wird sich bis Ende des Jahres hinziehen. Betroffen sind nach aktuellen Angaben des Herstellers knapp 1,9 Millionen 2.0-Liter-TDI-Dieselmotoren, rund 700 000 1,6-Liter- und etwa 30 000 1,2-Liter-Motoren. Die Antriebe der VWs, Audis, Skodas und Seats vom Typ EA 189 (steht für „Entwicklungsauftrag“) wurden mit einer illegalen Software so manipuliert, dass sie im Prüflabor sauber, auf der Straße aber schmutziger als vom Gesetz erlaubt waren. Das zu viel in die Luft geblasene Stickoxid (NOx) ist gesundheitsschädlich und kann Krebs verursachen. Angeordnet hat den Massenrückruf das Kraftfahrtbundesamt (KBA) – eine dem Bundesverkehrsministerium unterstellte Behörde. Alle betroffenen Autobesitzer sind deshalb verpflichtet, ihr Auto reparieren zu lassen. Andernfalls droht der Entzug der Betriebserlaubnis.



ABLAUF

Solange die Kunden nichts von Volkswagen hören, müssen sie nichts unternehmen. Die manipulierten Fahrzeuge seien betriebsbereit und sicher, betont der Hersteller. Ende Januar, ab der vierten Kalenderwoche, bekommen die ersten Kunden, deren Auto einen 2.0-Liter-TDI-Motor unter der Haube hat, zwei Mal Post vom VW-Konzern. Streng genommen ist das KBA der Absender, weil nur die Behörde im Besitz aller persönlichen Zulassungsdaten und Adressen ist. In einem ersten Schreiben wird offiziell bestätigt, dass das jeweilige Auto von den Software-Manipulationen betroffen ist und ein Rückruf angeordnet wird. Wer sich bis jetzt nicht sicher ist, ob sein Auto dazugehört, kann dies mithilfe der Fahrzeug-Identifizierungsnummer auf den Internetseiten der VW-Marken prüfen.

In einem zweiten Brief wird der Pkw- Halter aufgefordert, bei einem Volkswagen-Servicebetrieb seiner Wahl – bundesweit gibt es davon fast 2200 – einen Werkstatttermin zu vereinbaren. Der Hersteller gebe dafür ein „Zeitfenster“ vor, sagt ein Sprecher, „um zu vermeiden, dass Millionen Kunden gleichzeitig Termine machen wollen“. Das Verfahren ist für private und gewerbliche Kunden gleich.

Im zweiten Quartal, also ab April, will Volkswagen mit dem Rückruf der rund 30 000 Fahrzeuge mit 1.2-Liter-TDI-Motor beginnen. Erst ab Juli kommen die 700 000 1.6-Liter-Pkw dran. Bei ihnen wird es nicht nur um ein Software-Update gehen, sondern um einen Eingriff in die Motortechnik. „Die dafür notwendigen Teile müssen noch produziert werden“, begründet der VW-Sprecher den späteren Start der Rückrufaktion. Laut VW reicht es allerdings, ein kleines Gitternetz – einen sogenannten Strömungstransformator – an den Motorblock anzubringen.

DAUER UND WARTEZEITEN

Volkswagen versichert, dass die Reparaturen nicht länger als eine halbe (1.2- und 2.0-Liter) beziehungsweise eine Stunde (1.6-Liter) in Anspruch nehmen. In einigen Servicebetrieben könnte es aber eng werden – vor allem in Regionen mit einer hohen Dichte an Volkswagen-Fahrern. Immerhin kommen rein rechnerisch 1000 Fahrzeuge auf eine Werkstatt. Besonders in räumlicher Nähe zu den VW-Werken, speziell in Niedersachsen, fahren nach einer Erhebung der Geomarketing-Firma Nexiga mehr als 80 Prozent der Autofahrer ein Fahrzeug der Marken Seat, Skoda und VW. Die höchste VW- Dichte finde sich in den Regionen um Wolfsburg und Braunschweig. Aber auch rund um die Werke in Kassel und Emden dürften die Volkswagen-Vertragswerkstätten in den kommenden Monaten gut ausgelastet – oder überfordert – sein. Kunden, die nicht vom Rückruf betroffen sind, aber in diesem Jahr zum Beispiel eine Inspektion machen müssen, könnten also bei der Terminvergabe das Nachsehen haben. Volkswagen versucht zu beruhigen: Rückruf-Kunden könnten bei ihrem Werkstattbesuch gleich auch die (kostenpflichtige) Inspektion oder andere Reparaturen erledigen lassen. Das entlaste den Servicebetrieb.

KOSTEN

Die Rückrufaktion wird für alle Volkswagen-Kunden kostenlos sein. Das Unternehmen hat zugesagt, dass Kunden, deren Auto länger in der Werkstatt bleiben muss oder die dringend – etwa als Außendienstler – auf ihren Wagen angewiesen sind, „Ersatzmobilität“ zur Verfügung gestellt bekommen. In der Regel werden dies wohl Fahrscheine für den ÖPNV sein. „Aber wir bieten bei Bedarf auch einen Hol- und Bringdienst, Ersatzwagen, Taxigutscheine oder ein Fahrrad an“, sagt der VW-Sprecher. Eine Entschädigung darüber hinaus – Gutscheine wie in den USA, Rückkauf- oder Umtauschprämien – plant das Unternehmen für deutsche Kunden derzeit nicht. „Davon gehen wir nicht aus“, heißt es in Wolfsburg.

KOMPLIKATIONEN

Bei einigen VW-Werkstätten ist die Befürchtung zu hören, es könnte angesichts des massenhaften Zugriffs auf VW-Server zu Engpässen und Abstürzen bei den Software-Updates kommen. „Das lässt sich nicht ausschließen“, sagt der VW-Sprecher. Das Unternehmen habe aber „Vorsorge getroffen“, dass bei der Datenübertragung, die per Download online oder stationär erfolgt, alles glatt läuft. Ob sich Leistung und Verbrauch der reparierten Fahrzeuge veränderten, lasse sich pauschal nicht sagen. Es gehe um „einige 1000 Softwarevarianten“ für die verschiedenen Modelle und Motorisierungen. Im besten Fall führt die Software-Auffrischung dazu, dass der Wagen weniger verbraucht und mehr Leistung hat. Tests hätten dies bei einigen Fahrzeugen ergeben, heißt es bei VW. „Das ist durchaus möglich.“

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

7 Kommentare

Neuester Kommentar