Wirtschaft : Volkswirte gegen höhere Zinsen Internationale Ökonomen warnen vor Risiken

Frankfurt am Main - Während viele deutsche Volkswirte eine schnelle Zinserhöhung für richtig halten, machen sich Experten außerhalb Deutschlands vor allem Sorgen um das Finanzsystem und um die Konjunktur. Von den Mitgliedern des EZB-Schattenrats, einem 2002 gegründeten Gremium von 15 renommierten internationalen Ökonomen, stimmten nur drei für eine Zinserhöhung: Thomas Mayer von der Deutschen Bank, Jörg Krämer von der Commerzbank und Andrew Bosomworth von der Pimco in München. Die übrigen elf Mitglieder, die an der Abstimmung teilnahmen, sprachen sich gegen eine Zinserhöhung schon in dieser Woche aus.

Es wird erwartet, dass die Europäische Zentralbank (EZB) bei ihrer Sitzung an diesem Donnerstag zum ersten Mal seit der Finanz- und Wirtschaftskrise die Leitzinsen erhöht – um 0,25 Prozentpunkte auf dann 1,25 Prozent. Seit März 2009 liegt der Euro-Leitzins bei 1,00 Prozent. Größte Aufmerksamkeit dürfte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sicher sein, der sich über die weitere Zins- und Geldpolitik im Euroraum äußern dürfte.

„Wenn die Zinsen noch länger so niedrig bleiben, werden Unternehmen, Regierungen und Privathaushalte ihre Finanzierungsentscheidungen immer stärker auf der Annahme dauerhaft niedriger Zinsen gründen“, warnte Thomas Mayer von der Deutschen Bank. Wenn die Zinsen deutlich steigen müssen, um Inflationsgefahren einzudämmen, sei dann die Gefahr von Verwerfungen groß. „Der Wirtschaft im Euroraum geht es nicht mehr schlecht genug, um einen Leitzins von nur einem Prozent zu rechtfertigen“, setzt Jörg Krämer hinzu.

Außerhalb des deutschen Sprachraums werden eher die Risiken betont, denen Konjunktur und Finanzsystem derzeit ausgesetzt sind. „Solange selbst Länder wie Spanien jederzeit wieder einen Vertrauensverlust erleiden könnten, der unser ganzes Finanzsystem gefährdet, kann ich eine Zinserhöhung nicht sinnvoll finden“, sagte etwa Jacques Cailloux von der Royal Bank of Scotland. Elga Bartsch von der US-Bank Morgan Stanley fügte hinzu, dass aller Voraussicht nach die Jahresteuerungsrate wieder deutlich sinken werde, wenn der scharfe Anstieg der Ölpreise der letzten Monate aus dem Vorjahresvergleich fällt.

Vor allem wegen der deutlich teureren Energie ist die Inflation in Deutschland aktuell so hoch wie zuletzt vor zweieinhalb Jahren. Die Lebenshaltungskosten stiegen im März um 2,1 Prozent und damit so stark wie seit gut zwei Monaten nicht mehr. Da die Lohnsteigerungen noch gering seien, sei auf absehbare Zeit keine Preis-Lohn- Spirale zu befürchten, betonten die Gegner einer Zinserhöhung. Deshalb gebe es für die EZB keinen Zeitdruck. HB/Tsp

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