Volkswirtschaft im Hörsaal : Professoren wollen von der Krise nichts wissen

Viele Hochschul-Lehrer ignorieren bei der Ausbildung die Finanzkrise noch immer. Studenten protestieren – und unterrichten sich selbst.

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Umdenken. Lisa Cronjäger, Lisa Großmann und Felix Kersting (von links) wünschen sich mehr Diskussionen in der Uni.
Umdenken. Lisa Cronjäger, Lisa Großmann und Felix Kersting (von links) wünschen sich mehr Diskussionen in der Uni.Foto: Georg Moritz

Krise? Welche Krise? Das fragen sich Lisa Großmann und Felix Kersting immer öfter, wenn sie im Hörsaal sitzen und ihren Professoren lauschen. „In unseren Vorlesungen kommt die Finanzkrise kaum vor“, sagen sie. Die beiden 26-Jährigen studieren an der Berliner Humboldt-Universität Volkswirtschaftslehre – sie im fünften, er im dritten Semester des Master-Studiengangs. Für das Fach haben sie sich bewusst entschieden: Großmann und Kersting wollen verstehen, wie und warum es zur Krise kam. Doch Antworten darauf haben sie im Studium bislang nicht bekommen.

Als vor fünf Jahren in den USA die Finanzkrise ausbrach, waren viele Volkswirte überrascht. Nur die wenigsten hatten sie vorhergesagt. Kritiker meinen, das liege auch an der Art und Weise, wie Ökonomen ausgebildet werden. Geändert haben sich die Lehrpläne an den Universitäten aber seitdem nicht. Studenten wie Felix Kersting und Lisa Großmann können das nicht verstehen und begehren jetzt auf.

An vielen Wirtschaftsfakultäten tun sich Nachwuchsökonomen derzeit zusammen und fordern eine Reform der Lehrpläne. Kersting und Großmann engagieren sich an ihrer Universität in einer Gruppe, die sich „Was ist Ökonomie?“ nennt. An der FU Berlin suchen die Kritischen Wirtschaftswissenschaftler „alternative Ansätze zur Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft“. In Hamburg, Heidelberg und Mainz setzen sich Studenten im Arbeitskreis Real World Economics für die „Vielfalt ökonomischer Theorien“ ein.

Mit ihrem Protest folgen die Deutschen dem Beispiel junger Amerikaner. An der Elite-Universität Harvard haben Studenten bereits 2011 für Schlagzeilen gesorgt, als sie mitten in einer Vorlesung von Gregory Mankiw einfach aufstanden und den Raum verließen. Dabei ist Mankiw einer der renommiertesten Wirtschaftsprofessoren, der unter anderem Präsident Georg W. Bush beraten hat. Seine Vorlesungen, klagten seine Studenten, seien ihnen zu einseitig. Ihre Kritik: Mankiw konzentriere sich zu sehr auf die Neoklassik.

Seit Jahrzehnten ist diese Theorie der Kern dessen, was VWL-Studenten lernen. Mit ihr versuchen Volkswirte die Wirtschaft zu erklären. Dafür bauen sie die Wirklichkeit einem Modell nach, das auf Annahmen beruht.Die Neoklassik geht davon aus, dass Menschen sich stets rational verhalten. Außerdem glauben die Vertreter dieser Schule an die Selbstheilungskräfte der Märkte, die nach einem Schock automatisch ins Gleichgewicht zurückfinden. Kritiker weisen das zurück – und sehen den Beleg in der Finanzkrise. Denn damit die  Wirtschaft nach 2008 wieder ins Gleichgewicht kam, mussten die Staaten weltweit mit Milliardenhilfen einspringen. Genau das wäre das nach dem Gesetz des Marktes aber gar nicht nötig gewesen, alles hätte sich von selbst geregelt.

Die Studenten stört deshalb, dass die Neoklassik die einzige Theorie ist, die ihnen im Studium ausführlich beigebracht wird. Andere Strömungen wie der Keynesianismus oder der Marxismus kommen nur am Rande vor. „Es wird einfach ein Weltbild vorgegeben und es wird nie hinterfragt oder diskutiert“, sagt Lisa Großmann. Sie würde im Studium gerne mehr darüber lernen, welche Meinung Denker anderer Schulen wie etwa Friedrich August von Hayek, Milton Friedman oder Karl Marx vertreten haben.

Rückendeckung bekommen die Studenten zum Beispiel von dem deutschen Ökonomen Heiner Flassbeck. Unter Volkswirten gilt er als Außenseiter. „Es ist ein Skandal, dass an vielen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland nur eine Theorie gelehrt wird“, sagt Flassbeck. Die Studenten hätten vollkommen recht, sich gegen das bestehende Regime aufzulehnen. Den Fehler sieht er im System: Volkswirte, die Meinungen abseits des Mainstreams vertreten, hätten kaum eine Chance, eine Professorenstelle an einer deutschen Universität zu bekommen. Deshalb werde auch nichts anderes unterrichtet.

Anders sieht das Tim Adam, der an der Berliner Humboldt-Universität Unternehmensfinanzierung lehrt. „Die Neoklassik ist Schwerpunkt in Lehre und Forschung und sollte es auch bleiben“, sagt er. „Sie gibt den Studenten das nötige Rüstzeug mit, um zu verstehen, was in der Wirtschaft im Normalfall passiert. Krisen sind Ausnahmezustände.“ Dass so wenige Volkswirte die  Krise vorausgesagt hätten, liege nicht an einem Versagen der vorherrschenden Theorie. „Krisen entstehen, wenn viele Wirtschaftsteilnehmer Fehlentscheidungen getroffen haben“, sagt Adam. „Es ist aber immer schwer im Voraus zu sagen, wann Leute Fehler machen. Das weiß man man immer erst hinterher.“

Die Studenten haben mittlerweile begonnen, sich über Ländergrenzen hinweg zu organisieren. Immer mehr von ihnen schließen sich zum Beispiel „Rethinking Economics“ an – einer Gruppe, die neben Deutschland auch in Großbritannien, Frankreich und den USA vertreten ist. Ihre Mitglieder setzen sich für ein Umdenken in der Lehre ein, weil sie glauben, „dass das, was wir lernen, nicht mehr zu der Welt passt, in der wir leben“.

Einer, der so denkt, ist Hoang Nguyen. Seit zwei Jahren studiert der gebürtige Vietnamese Volkswirtschaftslehre am University College in London. „Wir können nur verstehen, wie die Welt funktioniert, wenn wir uns verschiedene Theorien anschauen“, meint er. In anderen Fächern sei das selbstverständlich. „Politikstudenten lernen ja auch ebenso viel über Marxismus wie über Liberalismus.“

Volkswirte sollten seiner Ansicht nach mehr über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Dazu gehöre auch der Austausch mit anderen Disziplinen. In der VWL gehe es wie in anderen Fächern um das Verhalten des Menschen. Volkswirte könnten deshalb noch viel von Psychologen, Soziologen oder sogar Biologen lernen. „Doch dafür muss man ihnen zuhören“, sagt Nguyen. „Wenn ich mir meinen Lehrplan selbst zusammenstellen könnte, würde er nur zur Hälfte aus der Volkswirtschaftslehre und zur Hälfte aus anderen Fächern bestehen.“

Felix Kersting und Lisa Großmann sehen das genauso. Jede Woche organisieren sie deshalb ein Kolloquium, in dem sie sich all das beibringen, was sie in den Vorlesungen vermissen. Zu diesen Treffen kommen längst nicht nur Volkswirte, sondern auch Physiker, Ethnologen oder Literaturwissenschaftler. Ihre abendliche Zusatzveranstaltung sei mittlerweile sogar im Vorlesungsverzeichnis eingetragen. Nur Noten gibt es für sie nicht.

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