Wirtschaft : Vom Immigranten zum Großunternehmer

Türken schaffen 323000 Jobs in Deutschland

Juliane Schäuble

Berlin - Flexibel, risikobereit, serviceorientiert und kommunikationsfreudig: Junge türkischstämmige Geschäftsleute trumpfen mit Eigenschaften auf, die manche ihrer deutschen Altersgenossen vermissen lassen. Das jedenfalls sagt die Türkisch-Deutsche Industrie- und Handelskammer (TD-IHK). Mehr noch: Sie gründen immer neue Unternehmen – rund 64000 gibt es bereits deutschlandweit, und das nicht mehr nur in der Gastronomie und im Handel. Sie schaffen Arbeit für 323000 Menschen, darunter auch zunehmend Deutsche.

Ein Vorbild ist Kemal Sahin, der größte türkische Arbeitgeber außerhalb der Türkei. Sein Textilkonglomerat, die Sahinler Group, wurde einst eher aus der Not geboren. Als der junge Immigrant Sahin 1982 sein Metallurgie-Studium in Aachen abgeschlossen hatte, bekam er keine Arbeitserlaubnis als Ingenieur. Also gründete er – nach einem Umweg über einen eigenen Geschenkeladen und, um einer Abschiebung zu entgehen – die Santex Moden GmbH mit Zentralen in Würselen bei Aachen und Istanbul.

Das Unternehmen, zu dessen Kernbereich Textil inzwischen auch noch ein Energieunternehmen, ein Tourismusbetrieb sowie ein Catering-Service gekommen sind, erwirtschaftet heute über eine Milliarde Umsatz im Jahr und beschäftigt in 13 Ländern rund 12000 Menschen. Von den 1500 Mitarbeitern hier zu Lande sind 70 Prozent Deutsche.

„Wir leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration“, ist Sahin überzeugt, dessen Name auf Deutsch „Der Falke“ bedeutet. Dass es beim multikulturellen Miteinander manchmal dennoch hakt, weiß er auch. Daher engagiert sich der 50-Jährige nebenbei noch sozial. Als Präsident der vor zwei Jahren gegründeten TD-IHK hat er vor kurzem einen Ausbildungspakt mit initiiert. Darin verpflichteten sich türkischstämmige Unternehmer, in den nächsten drei Jahren 1000 Erst-Ausbildungsplätze zu schaffen. Seit Februar seien so in zwei Projekten in Köln und Hannover immerhin schon 200 neue Stellen entstanden. Das ist viel, gerade angesichts der Tatsache, dass türkische Selbstständige immer noch vergleichsweise wenig ausbilden – zum Beispiel weil sie das duale System nicht kennen. Potenzial wäre aber da, glaubt Sahin. „Wir könnten mit besserer Aufklärung gut 10000 zusätzliche Ausbildungsstellen schaffen.“

Das Projekt nützt beiden Seiten. Jugendliche Migranten ohne Ausbildung sind ein Problem für die Kommunen. „Aber auch Unternehmen in der Türkei profitieren davon“, weiß Sahin. Für sein Heimatland sei Deutschland der wichtigste Handelspartner. „Wenn Türken hier investieren wollen, brauchen sie gut ausgebildete Fachkräfte.“ Und der Handel zwischen den beiden Ländern werde weiter zunehmen. Denn: „Die türkische Wirtschaft wächst dynamisch.“ Das sei schon jetzt ein interessanter Markt vor allem für die deutsche Automobil- und Elektrobranche sowie die chemische Industrie. Daher ist der Unternehmer auch froh, dass die EU seit Oktober mit der Türkei über einen Beitritt verhandelt.

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