Wirtschaft : Von Autofreak zu Autofreak

Alfons Frese

Der Anspruch an den Nachfolger ist schlicht: "Er muss besser sein als ich." Aber ist das möglich? Schließlich hält sich Porsche-Enkel Ferdinand Piëch für einen der Größten in der Autoindustrie. Doch 1998 bemerkte der VW-Chef Piëch, dass da einer noch etwas schlauer war als er selbst. Als Piëch für rund anderthalb Milliarden Mark dem damaligen BMW-Chef Bernd Pischetsrieder die Luxusmarken BMW und Rover vor der Nase wegschnappte, trickste ihn der Münchener aus: Die Markenrechte an Rolls-Royce fallen 2003 an BWM. Dieser Sieg Pischetsrieder beeindruckte den VW-Chef deutlich mehr als das Debakel bei der britischen Tochter Rover, die BMW viele Milliarden und den BMW-Chef Pischetsrieder den Job in München kostete. "Mir ist einer lieber, der einmal woanders vom Pferd gefallen ist. Dann kann das bei uns nicht mehr passieren", sagte Piëch und holte Pischetsrieder nach Wolfsburg.

Am Dienstag wird Pischetsrieder Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, dem größten Autohersteller Europas. Piëch wechselt an die Spitze des Aufsichtrats. Wenn ein Autofreak einen anderen ablöst, gibt es eigentlich wenig Grund zur Aufregung. Der Maschinenbauingenieur Pischetsrieder, dessen erstes Wort nach Angaben der Mutter Auto gewesen ist, gilt als ebenso PS-verrückt wie der Maschinenbauingenieur Pïech, der Benzin im Blut haben soll.

Als Wildschwein durchgeschlagen

Und doch ist es kein normaler Machtübergang. Dafür war die Ära Piëch zu aufregend, dafür ist VW zu wichtig und sind Piëch und Pischetsrieder zu interessant. 1993, als Piëch nach Wolfsburg kam, sah er sich als "Krieger" im Kampf des Abendlandes gegen die japanische Bedrohung; wenn die Schlacht verloren geht, "werden auf unseren Stühlen Asiaten sitzen". Etwas Paranoides hat er immer gehabt, der Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche. Die Porsche-Tochter Luise heiratete in Österreich den Anwalt Anton Piëch. Eines von vier Kindern aus dieser Beziehung war Ferdinand, der nach dem frühen Tod des Vaters in einem Internat untergebracht wurde und der Jahrzehnte später von sich sage sollte, er "sei als Hausschwein aufgezogen worden und müsse als Wildschwein leben". Er hat es nicht leicht gehabt auf dem Weg nach oben, aber "unfallfreies Hochhüpfen hebt nicht die Leistungsfähigkeit". Extrem misstrauisch schlug sich der Einzelkämpfer durch. "Vieles ist nur im Alleingang möglich, weil man sich nicht verlassen kann." Insbesondere in der ersten Zeit bei VW sah sich der neue Chef von Versagern und Verrätern umstellt. "Feiglinge", seien die VW-Manager, "die abducken, wenn ein Fehler passiert". Über ein Dutzend Top-Manager verloren 1993/94 ihren Job. "Entweder es stimmen die Zahlen, oder ich will neue Gesichter sehen." Ein paar Führungskräfte begehrten auf und schrieben einen Brief an VW-Aufsichtsratchef Klaus Liesen: Der Konzern werde "von einem Mann mit psychopathischen Zügen geführt".

Doch die Zahlen stimmten. Als Piëch kam machte VW so viel Verluste wie noch nie, jetzt verabschiedet er sich mit einem Rekordergebnis. Piëch holte den Kostenkiller Jose López von General Motors und handelte sich damit eine Affäre um Industriespionage ein. Nach mehrjährigem Streit musste López gehen, VW zahlte 100 Millionen Dollar an GM und verpflichtete sich zum Kauf von GM-Autoteilen im Wert von einer Milliarde Dollar. Beinahe hätte López auch Piëch den Job gekostet. Mit Hinweis auf die aussterbende britische Autoindustrie orakelte der VW-Chef damals: "Mit einem Abgang des Gespanns Piëch/López würde in Deutschland die englische Krankheit ausbrechen, nicht nur bei VW. Die Gegner hätten einen Krieg gewonnen."

López und seine Gehilfen brachten Einkauf, Produktion und Organisation in Schwung; VW sparte Milliarden und erhöhte die Produktivität. So dauerte bei Piëchs Amtsantritt die Montage eines Golf 42 Stunden, ein paar Jahre später waren es nur noch 30 Stunden. Doch nun wurden entsprechend weniger Mitarbeiter gebraucht. Um die Entlassung von rund 30 000 Beschäftigten zu vermeiden, führte VW die Vier-Tage-Woche ein. Das war der Einstieg in die "atmende Fabrik", die eine variable Produktion je nach Auftragslage erlaubt. Enormes Sparpotenzial ergab schließlich die Plattformstrategie, die eine Globalisierung und Erweitung der Modellpalette auf der Basis weniger Grundkonzepte erlaubt. In vergleichbaren Fahrzeugen wie VW-Golf, Skoda-Oktavia oder Audi A3 werden identische Teile eingesetzt. Das ist übrigens auch die Methode, mit der Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp die Konzernmarken Chrysler und Mitsubishi sanieren will.

Piëchs herausragende Leistung ist die Positionierung von Volkswagen in den höheren Klassen. Er kaufte Bentley, Bugatti und Lamborghini und baute in Dresden eine "Gläserne Manufaktur" für die Montage des VW-Oberklassemodells Phaeton. Damit greift VW im oberen Marktsegment Mercedes an, nachdem die Stuttgarter vor fünf Jahren mit der A-Klasse den Golf attackierten. Der Aufstieg des Konzerns in ungewohnte Bereiche hat Milliarden Euro gekostet. Und die Plattformstrategie führte zu vielen sehr ähnlichen Autos. "Ich halte es für absoluten Wahnsinn, wenn jede Marke ähnliche Produkte baut, aber VW kein Coupé, keinen Pickup, keinen Minivan und keinen bezahlbaren Geländewagen anbietet", schimpfte der bei VW traditionell mächtige Betriebsratschef Klaus Volkert.

Pischetsrieder sieht das genauso. "Man muss in der Polo-Klasse nicht drei Stufenheck-Autos von Seat, Skoda und VW anbieten", sagt er und beklagt, dass die Konzernmarken nur 75 Prozent des Autombilmarktes abdecken. Pischetsrieder strebt 85 bis 90 Prozent an. Seitdem der Bayer im vergangenen Herbst als Piëch-Nachfolger nominiert wurde, gibt er in Wolfsburg den Ton an. Er veranlasste die Konzernteilung in zwei Markenfamilie: Audi, Lamborghini und Seat sind künftig die Südmarken und VW, Bentley und Skoda die Nordmarken. Pischetsrieder selbst leitet die VW-Gruppe und hat alle wichtigen Kontrollfunktionen im Konzern besetzt. Anders als Piëch vor neun Jahren wird Pischetsrieder kaum Köpfe rollen lassen. Der freundliche und auf Harmonie bedachte Bayer ist als Fachmann unumstritten. Seine Leidenschaft für das Angeln passt zur der Ruhe und Gelassenheit, die der neue VW-Chef ausstrahlt. "Man darf jeden Fehler machen, aber nicht zweimal", sagt Pischetsrieder im Rückblick auf das missglückte Rover-Engagement. Bei VW bekommt er nun seine zweite Chance. Unter der Kontrolle von Ferdinand Piëch.

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