Wirtschaft : Von wegen Golfplatz

Mit Anfang 60 den Ruhestand im Grünen verbringen? Für viele Manager ist das undenkbar. Sie beginnen eine zweite Karriere – als Berater, Honorarprofessor oder Restaurantbetreiber

Stefani Hergert
Generation Golf. Ja, aber erst, wenn die Arbeit getan ist. Foto: Mike Wolff
Generation Golf. Ja, aber erst, wenn die Arbeit getan ist. Foto: Mike Wolff

Morgens ein paar Abschläge, das Mittagessen mit Gleichgesinnten im Clubhaus, am Nachmittag das Handicap verbessern. Das Klischee vom einstigen Unternehmenslenker, der seinen Ruhestand auf dem Grün verbringt, hält sich. Noch. Denn Ruhe auf dem Golfplatz suchen viele der pensionierten Top-Manager Anfang 60 heute nicht mehr – sie gehen lieber in den Unruhestand. Und geben ihrem Leben noch einmal einen ganz neuen Sinn, eine neue Wendung – und eine neue Einkommensquelle.

Auch wenn die wie bei Jürgen M. Schneider nur dem Gehalt eines Professors entspricht. Der 63-Jährige hat in seinem bisherigen Berufsleben mit Zahlen jongliert, zuletzt als Finanzvorstand des Baukonzerns Bilfinger Berger. Jetzt diskutiert er mit Professoren, Berufungskommissionen und dem Rektor der Universität Mannheim. Denn seit Juni steht „Dekan“ auf seiner Visitenkarte – er ist der einzige hauptamtliche Fakultätsleiter einer staatlichen Universität in Deutschland.

Wer ihn auf die golfspielenden Ruheständler anspricht, erhält eine sehr diplomatische Antwort. „Ich habe nichts dagegen, über einen Golfplatz zu spazieren und die gepflegte Landschaft zu genießen, aber das allein würde mich nicht ausfüllen“, sagt er. Seinen Vollzeitjob an der Universität hat er bewusst angenommen, auch wenn man ihm vorher erst einmal erklären musste, was ein Dekan heute eigentlich macht.

„Ich brauche eine Herausforderung. Was mich an dieser Aufgabe reizt ist, dass es eben gerade nicht die Fortsetzung dessen ist, was ich bisher gemacht habe“, sagt Schneider.

Glaubt man Personalberatern, gehen Manager heute viel häufiger in den Unruhestand als noch vor 20 Jahren. Wenn die Unternehmen ihre Vorstände wegen starrer Altersgrenzen mit 60 oder 63 in Pension schicken, verwirklichen die eben die eigene Geschäftsidee, beginnen die zweite Karriere, gründen gemeinnützige Organisationen oder nehmen Mandate in Aufsichts- oder Beiräten an.

„Die Lebensentwürfe für die Phase nach der aktiven Managementzeit werden bunter“, sagt Tiemo Kracht, Personalexperte und Geschäftsführer der Kienbaum Executive Consultants. Lange hielt sich die Vorstellung, dass das berufliche Engagement mit dem Tag der Pensionierung auf Null abstürzt. Das hat sich verändert, sagen Personalberater unisono. Auch hierzulande hält Einzug, was in den USA gang und gäbe ist. „Das Bild des ausgedienten Managers, der mit Anfang 60 das Unternehmen verlassen hat und kaum mehr hervortritt, gibt es so kaum mehr“, sagt Kracht. Stattdessen streben die Manager nach vielfältigen Betätigungen – „going plural“, heißt das.

Dass sich Manager mit der Pensionierung nicht auf den Ruhestand festlegen lassen wollen, hat einen simplen Grund. Ein 60-Jähriger ist heute gefühlte zehn Jahre jünger und fitter als noch vor 20 Jahren. „Ich bin mit 62 in den Ruhestand gegangen und fühle mich vital genug, noch etwas zu tun“, sagt auch Schneider.

Einen kompletten Dreh wie ihn Schneider mit seinem Posten an der Universität vorlebt, wagen noch wenige. Da gibt es den Manager aus einer techniklastigen Branche, der schon immer mit dem Gedanken gespielt hat, ein Restaurant zu eröffnen – und das mit 55 endlich gemacht hat. Oder den Unternehmensberater, der sich heute mit Abenteuerwanderungen eine neue Existenz geschaffen hat. Oder den früheren Eon-Chef Wulf Bernotat, der inzwischen Berater beim Finanzinvestor Permira ist. Solche kompletten Wechsel nähmen zu, sagen Personalberater.

Dieter Kurz, Noch-Vorstandschef von Carl Zeiss, überlegt sich gerade, was er denn nach dem 1. Januar 2011 macht, jenem Tag, an dem der 62-Jährige sein Amt abgibt. „Der Begriff ,Ruhestand' ist sicherlich nicht das, was ich mit meinem nächsten Lebensabschnitt verbinde“, sagt Kurz. Ein Vorstandsposten soll es nicht mehr sein, Engagement als Aufseher und Berater schon eher. Und er kann sich vorstellen, an eine Hochschule zu gehen – als Unterstützer, nicht als Student. Dass Manager und Politiker jenseits der 60 zum Beispiel als Honorarprofessor oder Dozent ihr Wissen an den Nachwuchs weitergeben ist in den USA weit verbreitet, hierzulande erst auf dem Vormarsch.

Auch das berühmte Ehrenamt gibt es noch. „Doch selbst dort wollen Ex-Manager heute stärker operativ tätig sein, statt nur ihren Namen für die gute Sache herzugeben“, sagt der Internationalisierungs- und Personalberater Sergey Frank. Der frühere CEO der Münchener LHI Leasing, Ralf Kirberg, ist solch ein Beispiel. Er hat mit seinem Skulpture Network eine Organisation gegründet, die Künstler und Skulpturenfreunde zusammenbringt.

Der Unruhestand bringt so gut wie keinem der pensionierten Manager auch nur annähernd das Gehalt ein, dass sie als Vorstand oder Geschäftsführer verdient haben. Muss es aber auch nicht. Denn dank ihrer Pension sind sie finanziell abgesichert. Auch für Schneider ist sein Job an der Uni Mannheim ein Zubrot. Das wiederum gewährt eine gewisse Unabhängigkeit. „Fernab von Sachzwängen und Rollenverhalten haben die Manager eine viel höhere Glaubwürdigkeit und vielfältige Einflussmöglichkeiten“, sagt Kracht. Unabhängig zu sein heißt auch, Freiheiten zu haben. Denn kaum einer der pensionierten Wirtschaftslenker bürdet sich eine Tätigkeit auf, die ihn erneut ins Hamsterrad zwingt, bei der Familie und Hobbys zurückstecken. So genießt auch Dekan Schneider ab und zu einen Start in den Tag, der für ihn als Vorstand undenkbar gewesen wäre: Morgens vor dem Job schlägt er entspannt ein paar Bälle – auf dem Tennisplatz. (HB)

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