Wirtschaft : Vor Schröder hat niemand Angst, aber vor Lafontaine

BONN / FRANKFURT (MAIN) (aho/ro).Enttäuscht, aber auch erstaunlich gelassen haben Wirtschaftsvertreter und Börsianer am Montag auf das Wahlergebnis reagiert.Arbeitgeberfunktionäre warnten jedoch vor einer Rücknahme von Reformen.In dem Fall sei ein Bündnis für Arbeit "mit der Wirtschaft nicht denkbar", sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt.In den meisten Stellungnahmen wurde die Notwendigkeit einer baldigen Steuerreform herausgestellt.

Hundt erklärte, daß Ergebnis sei "bei weitem" nicht sein "Wunschergebnis".Er sei jedoch zu Gesprächen über "dringend notwendige Reformen" im Steuerwesen bereit.Allerdings machte er dies davon abhängig, daß die Reformen nicht zurückgenommen würden - sonst sei "ein Bündnis mit der deutschen Wirtschaft nicht denkbar", sagte er dem Deutschlandradio Berlin.Ähnlich äußerte sich auch der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT), Hans-Peter Stihl.Solche Gespräche seien nicht zielführend und schnell beendet, wenn die Ankündigung einer "rückwärtsgewandten Politik" zu Lasten der Unternehmen ginge.Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Henkel, will dagegen ohne Vorbedingungen solche Gespräche aufnehmen."Es gibt natürlich Wahlversprechen, aber es gibt auch die Realität", sagte Henkel.Gerhard Schröder lehnte Vorbedingungen aus dem Arbeitgeberlager ab."Man sollte diese Äußerungen nicht zu hoch hängen.Das sind enttäuschte Hoffnungen", sagte er.

In der Finanzszene wurde das Wahlergebnis unterschiedlich aufgenommen.Die meisten Volkswirte der Banken wollten jedoch aus einer rot-grünen Koalition keine negativen Effekte für die Börse ableiten.Der Chef-Volkswirt der Hypo-Vereinsbank Martin Hüfner sagte, daß Bundestagswahlen noch nie länger die Aktienmärkte beeinflußt hätten.Die weitere Entwicklung in Rußland und Asien und eine mögliche Zinssenkung in den USA seinen wichtiger.Ähnlich sieht es auch Karl-Eugen Reis, Leiter der Research-Abteilung bei der DG-Bank.Es könne sich erst mittelfristig ändern, wenn die Beschlüsse der neuen Regierung vorlägen.Stefan Bergheim, Volkswirt bei einem der größten US-Investmentbanker, Merrill Lynch, erwartet "keinen radikalen Politikwechsel".Auch die Rücknahme der Reformen belaste die Unternehmen nicht sonderlich.Dagegen sei die neue Regierung jung und dynamisch und habe die Chance viel zu bewegen.Anders sieht es Ulrich Schröder von der Research-Abteilung der Deutschen Bank.Er erwartet eine "Verschlechterung des Standorts", weil jetzt kaum die Lohnkosten gesenkt würden.Stattdessen würde die Vermögensteuer wieder eingeführt, und die Steuerentlastung der unteren Einkommen müßten voraussichtlich die Unternehmen tragen.

Klar wurde in vielen Stellungnahmen, daß auch eine neue rot-grüne Regierung nur einen begrenzten Spielraum habe und in viele Sachzwänge eingebunden sei.Sie müsse jetzt aber schnell ihre Handlungsfähigkeit beweisen."Dabei ist eine Steuerreform das erste was kommen muß", betonte Commerzbank-Sprecher Peter Pietsch.Uneingeschränkt positiv werteten Banker und Börsianer, daß es nach der Wahl klare Verhältnisse gebe."Es ist gut, daß es keine schwache Regierung gibt", meint Fidel Helmer vom Bankhaus Hauck & Aufhäuser.Für Banken und Börse wäre ein knapper Wahlausgang mit einer schwachen Regierung möglicherweise unter Duldung der PDS schlimmer gewesen.Mit einem Kanzler Gerhard Schröder kann man sich in Frankfurt arrangieren."Schröder ist der richtige Mann, ich hoffe nur, daß er von der Partei dabei unterstützt wird, das, was er versprochen hat, auch umzusetzen", meinte Horst Zirener, Vorstandsmitglied der Dekabank.Vor allem über den möglichen Einfluß von Parteichef Oskar Lafontaine auf den neuen Kanzler macht man sich in Frankfurt Gedanken."Mit Blick auf die SPD bleibt eine große Unsicherheit", glaubt Klaus-Peter Müller, Vorstandsmitglied der Commerzbank, der "eine wirtschaftspolitische Slalomfahrt" erwartet."Vor Schröder hat keiner Angst", sagt auch Börsianer Helmer."Aber vor Lafontaine." Bei der Dresdner Bank ist man überzeugt, daß sich die Chancen für eine weitere Deregulierung und Privatisierung jetzt verschlechtert haben.Dresdner Bank-Volkswirt Schlote befürchtet sogar den Abzug von Kapital.Trotz aller Skepsis gebietet es nach Ansicht von Börsianern und Bankern das Gebot der Fairneß, der neuen Regierung eine Chance zu geben."Rot-Grün ist nicht besser für die Wirtschaft, aber besser für die Demokratie", glaubt Jürgen Heraeus, Chef des gleichnamigen Anlagenbau-Unternehmens."Jetzt müssen sie zeigen, was sie können."

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