Wachstum lahmt : Herbstgutachten prophezeit Absturz der deutschen Wirtschaft

Düstere Aussichten: Das Wirtschaftswachstum soll im kommenden Jahr deutlich einbrechen. Mehr Arbeitslose soll es dennoch nicht geben.

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Kühles Klima. Das Wirtschaftswachstum sackt von 2,9 auf 0,8 Prozent ab, sagen die Forscher.
Kühles Klima. Das Wirtschaftswachstum sackt von 2,9 auf 0,8 Prozent ab, sagen die Forscher.Foto: dpa

Es gleicht einer Vollbremsung bei voller Fahrt, was Wirtschaftsforscher der deutschen Wirtschaft für die kommenden Monate voraussagen. Von 2,9 Prozent werde das Wachstum im kommenden Jahr auf 0,8 Prozent einbrechen, heißt es im Herbstgutachten der vier wichtigsten deutschen Institute, das an diesem Donnerstag in Berlin vorgestellt wird. Schwacher Trost: Nach Handelsblatt-Informationen rechnen die Forscher nicht mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit. 2011 werde es im Jahresschnitt knapp unter drei Millionen Arbeitslose geben, 2012 würden noch gut 2,8 Millionen Menschen ohne Job sein.

Im vierten Quartal 2011 wird die Wirtschaftsleistung nach Berechnungen der Institute schrumpfen. Im ersten Quartal 2012 gehe es dann wieder leicht aufwärts. Ökonomen sprechen von einer Rezession, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge schrumpft.

Der Ausblick auf ein schwaches Jahresende bereitet indes dem Einzelhandel schon jetzt Sorgen. Zwei Drittel der Händler gehen davon aus, dass die eingetrübten Konjunkturaussichten und die Turbulenzen an den Aktienmärkten die Konsumlust der Verbraucher dämpfen werden, fand die Beratungsgesellschaft Ernst & Young in einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage unter 120 Unternehmen heraus. Viele hoffen, dass sich die Schuldenkrise nicht weiter zuspitzt und gravierende Folgen für die Realwirtschaft hat. Dann sei sogar ein Weihnachtsgeschäft auf Vorjahresniveau wahrscheinlich, erklärte Handelsexperte Thomas Harms. Mehr als die Hälfte der Händler erwarteten den gleichen Umsatz wie im Weihnachtsgeschäft 2010, fast ein Drittel sogar einen Zuwachs und nur zwölf Prozent einen Rückgang.

Auch in der US-Industrie sorgen die Folgen der Euro-Schuldenkrise allmählich für düstere Geschäftsaussichten. Zum Auftakt der amerikanischen Bilanzsaison gab darauf Alcoa, der größte Aluminiumkonzern des Landes, am Dienstag (Ortszeit) einen Vorgeschmack. Alcoa-Chef Klaus Kleinfeld warnte vor einer wachsenden Unsicherheit der Kunden, die zu Zurückhaltung bei der Auftragsvergabe führe. Im dritten Quartal konnte der Konzern zwar den Gewinn auf 172 (Vorjahreszeitraum: 61) Millionen Dollar steigern und den Umsatz um 21 Prozent auf 6,4 Milliarden Dollar. Die Vorquartale waren aber noch stärker gewesen. „Es sieht fast so aus, als ob sich die Welt selbst in eine weitere Rezession hinein sorgt“, sagte der ehemalige Siemens-Chef Kleinfeld. „Der Hauptgrund für das schwache Quartal sind diese Ängste, nicht ein schrumpfendes Geschäft.“ Das Vertrauen in die Wirtschaftserholung lasse nach.

Dies spüren inzwischen auch die Schwellenländer. Wegen einer nachlassenden Nachfrage fiel das Wachstum in den aufstrebenden Wirtschaftsnationen im dritten Quartal so schwach aus wie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr, wie aus dem am Mittwoch veröffentlichten HSBC Emerging Markets Index (EMI) hervorgeht. Von Juli bis September verzeichnete der EMI den viertschlechtesten Wert seit Beginn der Erhebung. Erstmals seit neun Quartalen war die Industrieproduktion rückläufig. Das gebe Anlass zur Sorge, sagte HBSC- Chefvolkswirt Stephen King. Für die Weltwirtschaft könnten die Schwellenländer nach Ansicht von HSBC keine ähnlich starken Impulse liefern wie in der Finanzkrise 2008 und 2009.

Am Aktienmarkt spielten die globalen Wirtschaftsaussichten am Mittwoch kaum eine Rolle. Der Dax sprang sogar zeitweise über die Marke von 6000 Punkten. Anleger hoffen, dass die Euro-Schuldenkrise nicht eskaliert. Grund zum Optimismus liefern außerdem die nach wie vor guten Aussichten einiger deutscher Schlüsselbranchen. So will sich die Stahlindustrie mit den Branchengrößen Thyssen-Krupp und Salzgitter von den Konjunktursorgen nicht die Stimmung verderben lassen. Der Weltstahlverband hob in Paris sogar die Prognosen für dieses und das kommende Jahr an.

(mit HB, dpa)

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