Währungsunion : Krise in Griechenland belastet Euro

Die Überschuldung des griechischen Staats stellt die europäische Währungsunion auf die Probe. Kernstaaten wie Deutschland profitieren. Verlierer ist der Kleinanleger.

Conrad Mattern

Griechenland ist in Nöten. Offensichtlich hat das Land mit Hilfe kreativer Buchführung die Finanzmärkte, die Europäische Union und die EU-Mitgliedsstaaten über das tatsächliche Ausmaß seiner Schulden getäuscht. Ein Staatsbankrott, der in Europa eigentlich undenkbar schien, rückt plötzlich in den Bereich des Wahrscheinlichen.

Anders als in Dubai ist in Griechenland kein reicher Nachbar in Sicht, der einspringen könnte. Europa hat der Regierung in Athen sehr schnell klar gemacht, dass sie nicht auf finanzielle Hilfe von anderen Mitgliedsländern hoffen kann. Auch Vermögensgegenstände, deren Verkauf frisches Geld in die Staatskassen bringen könnte, gibt es nicht im gleichen Ausmaß wie am Golf. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, das Griechenland bankrott geht oder, als letzten Ausweg, den Ausstieg aus der europäischen Währungsunion versucht. Den Euro setzt diese Perspektive ziemlich unter Druck.

Hätten die Architekten der Währungsunion bloß ihren Robert Mundell gelesen und beherzigt! Dann hätten sie vorhersehen können, was jetzt geschieht. Mundell schuf die Grundlagen der Theorie optimaler Währungsräume, dafür wurde er mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet.

Seiner Theorie zufolge sollten Länder, die sich zu einem Währungsraum zusammentun, eine Reihe von Gemeinsamkeiten aufweisen. Kapital und Arbeitskräfte sollten sich weitgehend ungehindert zwischen den Staaten bewegen können, und Geld- wie auch Fiskalpolitik sollten weitgehend einheitlich sein. Letzteres ist in Europa nicht gegeben. Das ist wohl der Hauptgrund für die aktuellen Probleme.

Denn die Forderung nach einer einheitlichen Geld- und Fiskalpolitik kommt nicht von ungefähr: Beides sind wirtschaftspolitische Instrumente, die von einem unabhängigen Land zur Beeinflussung der Konjunktur genutzt werden können. In den Staaten des Euroraums ist das nicht möglich. Zwar verfolgt jedes Land seine eigene Fiskalpolitik, spart oder verschuldet sich nach eigenem Bedarf. Das kann gut gehen, so lange die Finanzmärkte in die Zahlungsfähigkeit der hoch verschuldeten Länder vertrauen. Doch Griechenland vertrauen sie im Moment nicht mehr. 

Zudem liegt die Verantwortung für die Geldpolitik alleine bei der Europäischen Zentralbank, die inzwischen mehr als deutlich signalisiert hat, dass sie in absehbarer Zeit eine Zinserhöhung plant. Das wird der griechischen Regierung gar nicht gefallen: Schließlich ist ein großer Teil ihrer Staatsschulden kurzfristig finanziert. Mit jeder Zinserhöhung erhöht sich die Belastung für den griechischen Staatshaushalt und werden die Schwierigkeiten größer.

Profiteure des Schlamassels sind die Regierungen der EU-Kernländer. Die Nachfrage nach ihren Staatsanleihen steigt im gleichen Maße, in dem griechische Staatsanleihen in der Gunst der Anleger sinken. Das macht deren Finanzierung ihrer Staatsschulden günstiger.

Möglicherweise gibt es aber neben Griechenland noch einen weiteren Leidtragenden der Krise: Den Kleinanleger, der seine Ersparnisse in Rentenfonds investiert hat. Die haben, sofern sie in Staatsanleihen investieren, in der Regel auch Anleihen der Länder im Portfolio, die nun Probleme bekommen. Zwar setzen sie Derivate ein, um sich gegen mögliche Kursverluste abzusichern. Doch die gibt es in ausreichend liquider Form vor allem für EU-Kernländer wie Deutschland. Die Folge ist eine unzureichende Absicherung.

Denn zum einen verlieren die Anleihen der Problemländer besonders kräftig, zum anderen entwickeln sich die Anleihen und damit auch die entsprechenden Derivate in so einer Krise häufig entgegengesetzt. So wird dann aus einer geplanten Absicherung eine Spekulation, die zusätzlich Rendite kostet.

Conrad Mattern ist Vorstand der Conquest Investment Advisory AG und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Auf ZEIT ONLINE beleuchtet er immer zum Wochenbeginn die aktuelle Entwicklung an den Finanzmärkten

Quelle: ZEIT ONLINE

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