Wagniskapital verdoppelt : Rekordinvestitionen in Berliner Start-ups

Mehr als zwei Milliarden Euro fließen im ersten Halbjahr in Jungunternehmen, 68 Prozent davon nach Berlin.

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Grund zum Jubeln hatte Niklas Östberg, Chef von Delivery Hero: Im Mai steckten Investoren 390 Millionen Euro in den Lieferdienst, kürzlich folgte der Börsengang. Foto: promo
Grund zum Jubeln hatte Niklas Östberg, Chef von Delivery Hero: Im Mai steckten Investoren 390 Millionen Euro in den Lieferdienst,...Promo

Bei Gesprächen über den Start-up-Standort Berlin gab es in der Vergangenheit zwei zentrale Themen: Es gibt zu wenig Geld für die guten Gründer – gerade im Vergleich zu London – aber die geringen Lebenshaltungskosten in der Stadt kompensieren das deutlich. Beides ändert sich langsam. Auch Start-ups spüren die gestiegenen Mietpreise, gerade wenn sie wachsen ist es gar nicht so einfach neue Büroflächen zu finden. Dafür gibt es inzwischen mehr Investoren mit größeren Fonds, die in Start-ups investieren. „Es gibt deutlich mehr Wagniskapital in Deutschland“, sagt beispielsweise Florian Heinemann, Gründer von Project-A Ventures. Der Berliner Frühphaseninvestor hat im Frühjahr seinen zweiten Investmentfonds geschlossen und damit 140 Millionen Euro zur Verfügung. Doch inzwischen macht er die Erfahrung, dass er und andere Investoren sich um vielversprechende Gründer bewerben müssen. „Die guten Unternehmer können sich ihre Geldgeber oft aussuchen", sagt Heinemann.

Investitionen in Start-ups haben sich verdoppelt

Das zeigt sich auch in den Zahlen des aktuellen Start-up Barometers der Beratung EY. 2,2 Milliarden Euro wurden demnach im ersten Halbjahr in Deutschland investiert – so viel wie noch nie seit dem Boom der New Economy um die Jahrtausendwende. In den letzten drei Halbjahren war es nur etwa halb soviel, da schwankte das Investitionsvolumen zwischen 970 Millionen und 1,3 Milliarden Euro. Mit 1,9 Milliarden wurde zuletzt im ersten Halbjahr 2015 eine ähnliche Summe investiert.

Berlin konnte seine Bedeutung als Start-up-Hauptstadt noch einmal enorm steigern: So entfielen mit 1,5 Milliarden Milliarden Euro mehr als zwei Drittel auf hiesige Jungunternehmen. Es folgen Bayern (213 Millionen) und Hamburg (178 Millionen).

Das liegt allerdings auch an zwei besonders hohen Finanzierungen. So war der südafrikanische Investor Naspers im Frühjahr mit 387 Millionen Euro bei dem Essenslieferdienst Delivery Hero eingestiegen. Zudem hatte im Mai der Online-Gebrauchtwagenhändler Auto 1 insgesamt 360 Millionen Euro von verschiedenen Investoren erhalten.

Berlin hängt bei Fintechs Frankfurt ab

Wie sehr Berlin dominiert, zeigt sich auch im Bereich der jungen Finanzunternehmen. 19 Fintech-Start-ups aus der Hauptstadt erhielten insgesamt 141 Millionen Euro, in Hessen mit der Bankenhauptstadt Frankfurt am Main wurden gerade einmal vier Investments mit einem Gesamtvolumen von fünf Millionen Euro registriert. „Berlin ist inzwischen auch Fintech-Hauptstadt“, sagte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). Dies soll noch im Sommer durch die Schaffung eines sogenannten Fintech-Hubs gefördert werden, indem Start-ups und etablierte Unternehmen zusammenarbeiten.

Nun fehlt es noch an Börsengängen, über die Investoren ihr Geld zurückbekommen. Zuletzt hatte Delivery Hero vor einer Woche diesen Schritt gewagt, ist damit jedoch relativ allein. „Die Zahl an Börsengängen ist noch nicht zufriedenstellend", sagte Bundeswirtschaftministerin Brigitte Zypries (SPD) am Donnerstag. „Hier hat Deutschland nach wie vor Aufholbedarf“.

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