Wirtschaft : Wahlkampf in Zeiten einer industriellen Revolution

Dennis Farney

Wall Street - nicht das Weiße Haus - bestimmt die Politik - Vieles erinnert an Theodor RooseveltDennis Farney

Die Vorwahlen zur amerikanischen Präsidentschaftswahl sind so gut wie besiegelt. Al Gore sicherte sich in der vergangenen Woche die demokratischen Stimmen, während George W. Bush seine Kandidatur bei den Republikanern durchsetzte. Damit scheint dem politischen Establishment eine klassische Kampagne gesichert, aber ohne die großen ideologischen Debatten des vergangenen Jahrhunderts. Berücksichtigt man zudem den wirtschaftlichen Wohlstand des Landes, erscheint die Gegenwart seltsam ruhig.

Der amerikanischen Nation wurden zwei Kandidaten beschert, deren Ansichten sich erstaunlich ähneln. Bewährte Streitthemen aus der Vergangenheit - wie etwa der Antikommunismus oder die Höhe des Militärbudgets - haben einen Großteil, wenn nicht ihre gesamte Bedeutung verloren, während traditionellen gegenseitigen Anschuldigungen vielerorts der Boden entzogen wurde.

Nun sind es die Demokraten, die über eine notwendige Reform der Minoritätenpolitik sprechen, ohne damit den republikanischen Zorn zu erwecken; manche der demokratischen Senatoren haben gar den Kampf für ein staatliches Gesundheitssystem aufgegeben. Auf republikanischer Seite geht die Rhetorik der Angebots-Politik zurück, nur noch von Ferne erinnert sie an die Bush-Vorschläge zur Steuersenkung.

Zuweilen wirkt es sogar, als hätten die Rivalen ihre Stellungen getauscht. Bush und McCain sprachen sich einvernehmlich gegen rassistische Schulregelungen aus: ein Thema, von dem selbst Lyndon Johnson während seiner Menschenrechtskampagne 1964 die Finger gelassen hatte. Die republikanischen Anwärter stritten darüber, wer das Gesundheitssystem, das Erbe Franklin Roosevelts sowie das Werk des Präsidenten Johnson am Besten wahren würde. Und es sind die Demokraten, die auf die Rückzahlung der Staatsschulden drängen - eine Themenverteilung, die vor einer Dekade unvorstellbar gewirkt hätte.

Indessen bleiben Differenzen: Die beiden Kandidaten werden die Verteilung der Haushaltsüberschüsse, die Abtreibungspolitik und die Waffengesetze zu Wahlkampfthemen machen. Doch das diesjährige Wahlgefecht wird nach Prognosen von Politikwissenschaftlern nicht mehr über ideologische Grunddebatten ausgetragen. Historiker vergleichen die politische Landschaft mit der, die Theodore Roosevelt im Jahr 1901 auffand, als er nach dem Mord an Mc Kinley ins Weiße Haus katapultiert wurde: Die Wirtschaft war im Umbruch: Die Wall Street, nicht das Weiße Haus, bestimmte das Zeitgeschehen.

Theodore Roosevelt setzte alles daran, die politische Reaktionszeit an jene Veränderungen anzupassen; er stellte sich den verwurzelten Dogmen seiner Partei und kreierte eine moderne Präsidentschaft. Doch am Beispiel der Vergangeheit sehen viele auch für die Gegenwart Potenzial und Herausforderungen. "Die Amerikaner stehen vor einer kreativen Übergangszeit", erklärt der Geschichtsprofessor Joseph Ellis. Unter Roosevelt erfuhr das Land den Wandel von einer landwirtschaftlichen zu einer industriellen Wirtschaft. Heute vollzieht es einen ähnlichen Prozess hin zur Informationsgesellschaft. "Es steht eine Neudefinition der Begriffe liberal und konservativ bevor", vermutet Ellis. Der künftige Präsident wird die programmatischen Ansichten seiner Partei neu formulieren können. Zu erwarten sei zudem eine regionale Verlagerung der politischen Macht von Washington in die Bundesstaaten sowie in die Kommunen.

Indessen sind auf der politischen Tagesordnung zweifelsohne neue Debatten zu erwarten. Am Anfang des 20. Jahrhunderts lautete die Hauptfrage, wie in den USA die Arbeiter und die Umwelt vor den einheimischen Unternehmen geschützt werden sollten; heute besteht die gleiche Diskussion auf internationaler Ebene. "Die Globalisierung wird zur aktuellsten Debatte", glaubt der Demokrat Barney Frank zu wissen, "denn darüber ist der alte Konsens verschwunden".

Zu Roosevelts Zeiten herrschte die Überzeugung, dass sich Kapital frei bewegen sollte. Heute wird von vielen befürchtet, dass Umwelt, Löhne und Arbeitsplätze darunter zu leiden hätten. Selbst konservative Politiker sehen in der globalisierten Wirtschaft eine reelle Gefahr für die nationale Souveränität. Auch die technologische Revolution wirft neue Debatten auf - wie zum Beispiel die Gefährdung des Privatlebens durch das Internet, oder die Schattenseite der Genforschung: eine medizinische Revolution, die zugleich komplexe ethische Probleme mit sich bringt. War Theodore Roosevelt der erste moderne Präsident, könnte Clinton als letzter dieser Art gelten, bevor eine postmoderne Prägung entsteht.

Beide Präsidenten prägten ihre Zeit auf besondere Weise: Hatte Roosevelt den Spielraum des Regierungseinflusses vergrößert, steht Clinton heute für den Bedeutungsschwund des Amtes. Die Gründe dafür sieht Richard Norton Smith, Direktor der Ford Bibliothek in Michigan, in der Übermacht der Medien. Wenn ein Präsident auf die Frage, ob er Boxershorts trage, tatsächlich eine Antwort liefere, nutze sich sein Ansehen schneller ab als je zuvor. Clintons Präsidentschaft sei außerdem mit dem Ende des Kalten Krieges ein entscheidendes Machtinstrument entzogen worden, argumentiert Smith. Gleichzeitig hat die Prosperität den Appetit des Volkes für gewagte Initiativen gesättigt und somit den Spielraum des Präsidenten deutlich eingeschränkt. Auch das Jahr 1901 erschien als ruhige Periode, bis Roosevelt mit seiner Amtsführung die politische Landschaft aufwühlte.

Damit ist die entscheidende Frage der Persönlichkeit aufgeworfen: Weder Bush noch Gore werden sich wohl mit wagemutigen Initiativen als Nachfolger Roosevelts entpuppen. Doch auch auf eine Amtszeit mit Frieden und Wohlstand werden die Menschen gern zurückblicken.Aus "The Wall Street Journal"

Übersetzt und gekürzt von Kristina Greene

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