Wirtschaft : Waigel zapft die Pipeline an

ANDREAS HOFFMANN

Finanzminister will Ölreserven des Bundes verkaufen / Internationale Energieagentur übt massive KritikVON ANDREAS HOFFMANN

Nun also die Ölvorräte.Um die Hürden für die europäische Währungsunion zu schaffen, plant der Bundesfinanzminister die Bundesrohölreserve zu verkaufen.Konkret geht es um 7,3 Mill.Tonnen, die der Bund in den nächsten drei Jahren loswerden will.Sie sollen in diesem Jahr 400 Mill.DM in die Bundeskasse spülen, im nächsten Jahr weitere 500 Mill.DM.Insgesamt dürfte der Verkauf etwa 1,4 Mrd.DM einbringen.Die Reserven lagern bei Wilhelmshaven, in sogenannten Kavernen, zylinderähnlichen Hohlräumen unter der Erde mit einem Durchmesser von 40 Metern und einer Länge von gut einem halben Kilometer.Eingerichtet zwischen 1973 und 1981 infolge der Ölkrise garantieren sie der Bundesrepublik einen Vorrat von 19 Tagen, falls die Importe einmal ausfallen.Daneben existieren zwei weitere strategische Ölreserven, die der Erdölbevorratungsverband, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, und die Mineralölwirtschaft halten.Das schreibt das Erdölbevorratungsgesetz aus dem Jahre 1978 vor.Beide Lager halten die Republik bei einem Einfuhrstopp weitere 99 Tage in Schwung.Finanziert werden sie teils über eine spezielle Abgabe, die beim Kauf von Heizöl oder Benzin anfällt; pro Liter Sprit sind das beispielsweise 0,89 Pfennig.Die Internationale Energieagentur (IEA) hat den geplanten Verkauf bereits kritisiert.IEA-Chef Robert Priddle sieht einen "beunruhigenden Trend", da die USA zuvor strategische Ölreserven verkauft haben und weitere Mengen loswerden will.Falls andere IEA-Mitgliedsländer aus Haushaltsgründen ebenfalls ihre Bestände verkauften, könnte das "hocherfolgreiche Energiesicherheitsprogramm" der Agentur ausgehöhlt werden, meint Priddle.Die im Zuge der Ölkrise 1974 gegründete IEA hat mittlerweile ein Krisenmanagement für Lieferengpässe entwickelt, das sich während des Golfkrieges gut bewährt hat. Dagegen zerstreut Wirtschaftsminister Günter Rexrodt mögliche Bedenken gegen einen Verkauf.Pressereferentin Christine Kern verweist darauf, daß die Abgabe des Bundesvorrats die übrigen Lager nicht berührt.Die Verpflichtung einer Mindestreserve von 90 Tagen basierend auf den Ölimporten, auf die man sich international geeinigt habe, werde weiter eingehalten: "Andere Länder stehen da viel schlechter da." Große Folgen für den Ölmarkt erwartet die Branche nicht."Dafür handelt es sich um eine zu vernachlässigende Menge", sagt Barbara Meyer-Bukow, Pressesprecherin beim Mineralölwirtschaftsverband in Hamburg.Tatsächlich macht die Bundesreserve nur fünf Prozent des gesamten jährlichen Bedarfs von 150 Mill.Tonnen aus.Für den Marktpreis sei viel wichtiger, ob etwa der Irak seine Lieferung wieder aufnimmt, erläutert die Pressesprecherin.Die Märkte haben laut Meyer-Bukow die Ankündigung des Bonner Ölverkaufs bereits früher vorweggenommen, bei der ersten Ankündigung des Vorhabens hat der Preis pro Barrel von derzeit 18 Dollar etwas nachgegeben.Ob die Bundesrepublik durch den Verkauf der Reserve abhängiger von Ölimporten wird, ist umstritten.Schon jetzt ist sie zu 97 Prozent auf ausländische Lieferanten angewiesen, gleichzeitig werden die Einfuhren aus den Opec-Staaten unwichtiger - deren Anteil sank im vergangenen Jahr auf unter 30 Prozent.In Zukunft könnte die Organisation wieder an Einfluß gewinnen, befürchten manche Kritiker und argumentieren folgendermaßen: Die Region des persischen Golfs besitzt zwei Drittel der weltweiten Reserven, die Vorräte in der Nordsee und den anderen Industrieländern gingen dagegen langsam zur Neige.Dazu müßten aufstrebende Länder aus Asien, wie China, Indonesien oder Indien, künftig ihren größer gewordenen Energiehunger stillen.Nur gibt es Gegenstimmen: Früher sagten Experten voraus, das Ölfeld in der Nordsee werde bereits Mitte der 90er Jahre erschöpft sein.Jetzt wird mindestens bis zum Jahr 2010 gefördert, dank verbesserter Technik.Fortschritte bei Exploration und Förderung ermöglichen es, immer neue Lagerstätten wirtschaftlich zu erschließen.Daneben wächst der Weltölverbrauch nur mäßig mit einem Prozent pro Jahr.Außerdem wird Jahr für Jahr mehr Öl gefunden als verbraucht - die verfügbaren Weltreserven schrumpfen somit nicht, sondern wachsen.Viel Raum für Spekulationen über den Ölpreis also, nur das sei - um ein Wort eines Ex-Chefs von Exxon zu zitieren - so einfach wie das Tätowieren von Seifenblasen.

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