Wirtschaft : Wann sind Aktien überbewertet?

PETER HEIN

Bei den Kurskapriolen, die einige Aktien in den letzten Wochen an der deutschen Börse vollführten, zucken selbst hartgesottene Börsenprofis mitunter zusammen.Gerade am Neuen Markt herrscht Goldgräberstimmung.Dort sind Gewinne von 100 oder 200 Prozent innerhalb weniger Tage oder Wochen keine Seltenheit.Kein Wunder, daß sich die Zahl der Banken und Brokerhäuser mehrt, die davor warnen, daß viele dieser Aktien überbewertet und teuer seien.Doch wann ist eine Aktie überbewertet oder teuer? Mit der Beantwortung dieser Frage sind Heerscharen von Analysten und Anlageberatern beschäftigt.Schließlich versprechen vor allem die unterbewerteten Papiere für die Zukunft die größten Kurschancen.

Eine der wichtigsten Kennzahlen, die dazu herangezogen wird, ist das sogenannte Kurs-Gewinn-Verhältnis - kurz KGV genannt.Zwar spielen auch Faktoren wie das allgemeine Zinsniveau oder die Stimmung an der Börse eine Rolle.Ordentliche Gewinne sind aber noch immer der beste Garant für steigende Notierungen.

Zur Ermittlung des KGV wird zunächst der Gewinn eines Unternehmens auf die Zahl der Aktien verteilt.Der in der Bilanz ausgewiesene Gewinn hat mit dem tatsächlich erwirtschafteten Reingewinn in der Regel wenig gemein.So müssen etwa außerordentliche Gewinne oder Verluste, die nichts mit der eigentlichen Geschäftstätigkeit des Unternehmens zu tun haben, herausgerechnet werden.In einem zweiten Schritt wird dann der Börsenkurs der Aktie durch den ermittelten Gewinn pro Aktie geteilt.Das KGV gibt also an, mit dem Wievielfachen des Jahresgewinns die Aktie zur Zeit an der Börse bewertet wird.Die Zahl alleine sagt allerdings noch nichts über die Preiswürdigkeit des Papiers aus.Erst der Vergleich mit den Werten früherer Jahre, vergleichbarer Unternehmen, der Branche oder des gesamten Marktes läßt eine Aussage darüber zu, ob ein Wert billig oder teuer ist.

Generell wird dabei wachstumsstarken Unternehmen von den Anlegern ein höheres KGV zugestanden als Unternehmen mit geringerem Wachstumspotential.Für die Softwareschmiede SAP zum Beispiel haben die Spezialisten der Landesbank Berlin einen Jahresgewinn für das Geschäftsjahr 1997 von rund neun DM pro Aktie errechnet.Bei einem aktuellen Börsenkurs von rund 1100 DM ergibt sich daraus ein KGV von über 120.Das ist sehr hoch.Das durchschnittliche KGV liegt bei deutschen Aktien bei rund 20.Angesichts der guten Zukunftsaussichten des Unternehmens erscheint Börsianern diese Bewertung jedoch gerechtfertigt.Andersherum sind Aktien mit einem niedrigen KGV nicht unbedingt ein Kauf, wenn es mit den Geschäften in den nächsten Jahren nicht so rosig aussieht.

Das Beispiel zeigt auch, wie wichtig bei der Berechnung des KGV das betrachtete Geschäftsjahr ist.Da die Börse vorausschaut, wird in der Regel der Gewinn des laufenden oder gar des kommenden Jahres zugrunde gelegt.Für 1999 prognostizieren die Landesbank-Analysten bei SAP 15 DM pro Aktie, so daß sich das aktuelle KGV damit auf fast moderate 73 einstellt.Insofern muß den Börsianern nicht bange sein bei der Bewertung des einen oder anderen Wertes im Neuen Markt.Sie müssen halt nur weit genug in die Zukunft schauen.

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