Wirtschaft : Warten auf die Entscheidung der Amerikaner

FRANKFURT (MAIN) / WASHINGTON (Tsp).In Erwartung einer Zinssenkung durch die US-Notenbank hat der Dollar am Dienstag in Frankfurt leicht auf 1,6732 (1,6820) DM nachgegeben.Der Handel an den Aktien- und Rentenmärkten war vor der Sitzung des Offenmarktausschusses in Washington ohne große Bewegung.Bundesbank-Vize Jürgen Stark stellte unterdessen klar, daß es zum jetzigen Zeitpunkt keinen Grund für Zinssenkungen in den Kernstaaten der EWU gebe.

Stark wies darauf hin, daß es in Europa derzeit historisch niedrige Zinsen gebe.Die USA, Europa und Japan befänden sich in unterschiedlichen Stadien des Konjunkturzyklus.Jede Situation erfordere verschiedene Reaktionen, erklärte der Ex-Finanzstaatssekretär Stark, über dessen Ambitionen auf den Posten des Bundesbank-Chefs nach dem deutlichen Wahlerfolg der SPD nun spekuliert wird.Der DIW-Konjunkturexperte und Lafontaine-Berater, Heiner Flassbeck, hatte Anfang der Woche erneut niedrigere Zinsen gefordert.Auch der SPD-Vorsitzende Lafontaine sprach sich am Montag für Zinssenkungen in Europa aus.

Nach einschlägigen Äußerungen von US-Notenbankchef Alan Greenspan, der unter anderem eine Verlangsamung der US-Wirtschaft infolge der Asienkrise in Aussicht stellte, wurde am Dienstag mit einer Rücknahme der amerikanischen Tagegeldes-Zinsen gerechnet.Im Gespräch war eine Rücknahme von gegenwärtig 5,5 Prozent um einen Viertel- oder einen halben Prozentpunkt.An der Börse blieb der Handel am Dienstag vor der Entscheidung der Fed erwartungsgemäß ohne große Bewegungen.Eine Senkung der US-Zinsen um 0,25 Prozent sei aber bereits vorweggenommen, hieß es am Markt.Vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise in Asien, Rußland und Lateinamerika kommt der Entscheidung der Amerikaner besondere Bedeutung zu.Eine Zinssenkung in den USA wird als Zeichen der Stabilisierung gewertet.

Im Vorfeld der Herbsttagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank kommende Woche in Washington stellte der US-Ökonom Rüdiger Dornbusch allerdings auch die Politik der IWF-Spitze zur Diskussion.In einem Interview forderte er dazu auf, den amtierenden IWF-Chef Michel Camdessus aus seinem Amt zu entlassen.Der Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) warf Camdessus Versagen und "dramatische Fehleinschätzungen" bei der Lösung der internationalen Finanzkrise vor.Dornbusch machte den IWF-Chef persönlich für die Misere verantwortlich: "Was der Währungsfonds jetzt braucht, ist einen neuen, effektiven Managing Director.Ich bin der Ansicht, daß IWF-Chef Michel Camdessus gefeuert werden müßte." Hingegen lobte Dornbusch US-Notenbankchef Alan Greenspan und US-Finanzminister Robert Rubin, die sich in schwieriger Lage als gute Krisenmanager bewährt hätten.Die eigentliche Herbsttagung von IWF und Weltbank beginnt am kommenden Dienstag.In Washington treffen sich rund 180 Mitgliedsstaaten des Währungsfonds und der Weltbank.Doch schon in dieser Woche steht Washington ganz im Zeichen der Finanztreffen, bei dem die internationalen Finanzinstitutionen darüber beraten, wie sie auf mittlere Sicht den Problemen der Weltwirtschaft begegnen wollen.Bundesfinanzminister Theo Waigel will nach dem Wahldebakel der Union vom Sonntag nicht als deutscher Vertreter an dem Treffen teilnehmen.Er werde an den Gedenkfeiern zum 10.Todestag von Franz-Josef Strauß teilnehmen, erklärte er am Dienstag in Bonn.Die deutsche Delegation wird stattdessen von Entwicklungshilfeminister Carl-Dieter Spranger angeführt, hieß es in Bonn.



Den Startschuß gibt am Mittwoch IWF-Forschungsdirektor Michael Mussa mit der Vorstellung des aktualisierten Weltwirtschaftberichts.Am Donnerstag treten IWF-Direktor Michel Camdessus und Weltbankpräsident James Wolfensohn vor die Presse.Am Freitag und Samstag trifft sich die Gruppe der 24, in der die Entwicklungsländer im Vorfeld der Jahrestagung ihre Positionen abstimmen.Ihr gehören je acht Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas an.

Zum selben Zweck kommen am Sonnabend die Finanzminister und Notenbankchefs der sieben führenden Industriestaaten (G 7) zusammen.Neben den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Italien, Deutschland und dem derzeitigen Sorgenkind Japan nimmt auch die Europäische Union - vertreten durch Ratspräsidentschaft und EU-Kommission - an den Beratungen teil.Wegen seines politischen Gewichts wird Rußland zu einem Großteil der Beratungen hinzugezogen, die Gruppe wird dann G 8 genannt.

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