Wirtschaft : Warten auf eine Heuschrecke

Hedge-Fonds TCI tritt bei der Hauptversammlung der Deutschen Börse nicht auf/Aktionäre rügen Fehler des Vorstands

Rolf Obertreis

Frankfurt am Main - Aktionäre und Fondsmanager haben die Hauptversammlung der Deutschen Börse AG genutzt, um heftige Kritik an Ex-Vorstandschef Werner Seifert und Aufsichtsratschef Rolf Breuer zu üben. Auch das Verhalten der Hedge- Fonds, allen voran des britischen TCI- Fonds, der den Sturz Seiferts bewirkt hatte, wurde scharf kritisiert. Der mit Spannung erwartete Auftritt von TCI-Chef Christopher Hohn blieb jedoch aus. Am Ende erteilten die Anteilseigner Vorstand und Aufsichtsrat noch einen Denkzettel: Beide wurden nur mit 68 Prozent des anwesenden Kapitals entlastet, Zustimmungsquoten von 99 Prozent sind bei der Börse normal.

„Wir stehen vor einem Scherbenhaufen, der nur mühsam wieder gekittet werden kann“, sagte Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Die Deutsche Börse selbst will nach den Worten des kommissarischen Vorstandschefs Mathias Hlubek ihren Kurs fortsetzen und die Eigenkapitalrendite bis 2007 von jetzt elf auf 20 Prozent steigern.

Vor der Frankfurter Jahrhunderthalle hatten sich vor Beginn der Hauptversammlung zahlreiche Fotografen und Fernsehteams versammelt, um Bilder und ein Statement von Hohn zu ergattern. Mehrfach richteten sich Kameras und Mikrofone auf den vermeintlichen TCI-Chef, der sich allerdings nicht blicken ließ.

Aufsichtsratschef Breuer, der auf Druck von Hohn spätestens Ende des Jahres sein Amt aufgibt, erwähnte den Briten in seinen Ausführungen vor rund 800 Aktionären nicht. „Wir wollen die kritische Diskussion mit den Aktionären endlich beenden“, sagte Breuer. Bislang gebe es noch keine konkreten Gespräche mit einem möglichen Nachfolger für Seifert oder potenziellen Aufsichtsratsmitgliedern. „Für den Chefposten hat sich aber eine beachtliche Anzahl von Kandidaten von sich aus bei mir vorgestellt. Es scheint eine interessante Position zu sein.“ Die Abfindung für Seifert bezifferte Breuer mit mindestens 7,8 Millionen Euro. Das Dreifache des letzten Jahresgehaltes habe ihm mindestens zugestanden. Ob es insgesamt sogar zehn Millionen Euro waren, wie aus Aufsichtsratskreisen zu hören war, sagte Breuer nicht.

In den Aufsichtsrat sollen künftig bis zu fünf Vertreter der bei der Börse inzwischen dominierenden ausländischen Anteilseigner einziehen. Ihnen machen neben Breuer der ehemalige DZ-Bank-Chef Uwe Flach, der frühere Chef der Deka-Bank Manfred Zaß und der Rechtswissenschaftler Klaus Hopt Platz. Lord Peter Levene von Lloyd’s war bereits im April zurückgetreten.

Breuer und der derzeitige Börsenchef Hlubek lobten Seiferts Arbeit ausdrücklich. „Herr Seifert hat die Börse in seiner zwölfjährigen Amtszeit zu einem international anerkannten und erfolgreichen Unternehmen geformt.“ Der Umsatz sei von damals 70 Millionen D-Mark auf heute rund 1,5 Milliarden Euro gestiegen, das Unternehmen sei die mit Abstand „erfolgreichste Börsenorganisation der Welt“, sagte Hlubek. Deshalb sei ein Strategiewechsel eigentlich nicht erforderlich.

Auch Aktionärsvertreter und Fondsmanager würdigten die Arbeit von Seifert. „Das Geschäftsmodell der Börse hat überzeugt, es ist ein hochprofitables Unternehmen“, sagte Markus Rieß, Geschäftsführer der Allianz-Fondstochter DIT. Ähnlich äußerte sich Henning Gebhardt vom Deutsche-Bank-Ableger DWS. Heftig kritisiert wurde jedoch die Kommunikationspolitik des ehemaligen Börsenchefs. Er habe wenig Gespür für Entwicklungen gezeigt und beim Übernahmeversuch der Londoner Börse überheblich agiert, sagte Aktionärsvertreter Nieding. Offenbar habe er sich als Eigentümer der Börse und nicht als Angestellter gesehen. Insofern sei es gut gewesen, dass TCI und andere Fonds Seifert gestoppt hätten.

An TCI wurde kritisiert, der Fonds habe bislang keine überzeugende Strategie vorgelegt. „Diese konzeptionslose Einflussnahme auf ein Unternehmen ist einzigartig und nicht akzeptabel“, sagte DIT-Chef Rieß. Im Gegensatz zu anderen Fondsmanagern bemängelte er auch, dass die Börse in den kommenden beiden Jahren rund 1,5 Milliarden Euro an die Aktionäre ausschütten will. Dies sei ein fataler Schritt. Die Börse beraube sich damit ihrer Handlungsmöglichkeiten für die nötige Konsolidierung in Europa.

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