Wirtschaft : Warten auf James Bond

Noch nie strömten so viele Menschen in die deutschen Kinos. Doch nur Kassenschlager füllen die zahllosen Multiplex-Säle

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Von Susanne Herr

Hitze, Fußball-WM, Flutkatastrophe – und weit und breit kein „Schuh des Manitu“. Für den Kassenschlager, der im vergangenen Jahr mehr als elf Millionen Besucher in die Kinos lockte, fand sich in diesem Sommer kein Ersatz. Trotz eines Anstiegs der Besucherzahlen in der ersten Jahreshälfte waren es nach Auskunft der Fachzeitschrift „Filmecho“ bis Mitte September knapp fünf Prozent weniger als im Vorjahr.

Doch die Branche hat den Sommer schon fast vergessen: Blockbuster wie „Der Herr der Ringe“, „Harry Potter“ und James Bond sollen noch mehr als die 178 Millionen Besucher von 2001 für das Kino begeistern. „In diesem Jahr schaffen wir trotz der Sommerflaute 180 Millionen“, meint Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des Verbandes der Filmverleiher. „Im Vergleich zu den Rückgängen in anderen Branchen, geht es den Kinos damit fantastisch.“ Noch optimistischer zeigt sich Jan Oesterlin, Pressesprecher der Kieft & Kieft Gruppe (Cinestar), die deutschlandweit die meisten Kinoleinwände unterhält: „Ein Zuwachs von fünf Prozent ist machbar.“ Die Betreiber hoffen, dass Blockbuster im Herbst und im Winter die Sommerflaute wieder wettmachen. „Unsere Filmnächte zum Kinostart von Harry Potter und Der Herr der Ringe sind schon seit Wochen ausverkauft“, erklärt Oesterlin. „Wir stehen vor dem stärksten Quartal seit langem.“

Experten bezweifeln daher auch, dass die Kinokette Ufa, die am Montag Insolvenz beantragen musste, zum schuldlosen Opfer einer Branchenkrise wurde. Die beiden großen Konkurrenten Cinestar und Cinemaxx wurden mit dem Besuchereinbruch im Sommer besser fertig: „Wir sehen keinen Grund, uns Sorgen zu machen“, sagt Oesterlin. „Die Ufa hat viele eigene Probleme zu Branchenproblemen erklärt.“

„Die Ufa hat später als die Konkurrenz, aber mit höherer Intensität versucht, mit Multiplex-Kinos Geld zu verdienen“, erklärt Erik Heinrich von der WGZ-Bank. „Das war teuer.“ Ein Grund für die Insolvenz sei deshalb gewesen, dass die Zwischenfinanzierung, die in der Kinobranche in flauen Sommern durchaus üblich ist, gescheitert sei.

Denn die Zahl der Kinozuschauer schwankt, der Sommer ist traditionell schwächer. „Das ist aber kein Grund für eine Insolvenz“, sagt Andreas Kramer, Geschäftsführer des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater (HDF). Den Besucherrekord des vergangenen Jahres mit einem Plus von 16,7 Prozent dürfe man nicht als Messlatte anlegen. „Uns fehlte in diesem Jahr ein Schuh des Manitu.“

Doch grundsätzlich macht die Zahl der Zuschauer auch der Ufa-Konkurrenz zu schaffen. Das eigentliche Problem ist dabei kein saisonales, sondern ein strukturelles: Für zu viele Kinosäle gibt es noch zu wenige Kinogänger. Der Ausbau der Multiplex-Kinos von einem einzigen im Jahr 1990 auf heute 138 hat zum einen wieder mehr Besucher in die Kinos gelockt. Zum anderen sind vor allem in Ballungsgebieten wie Berlin oder Hamburg viele Riesenkinos aber nicht ausgelastet. „Der Markt muss sich konsolidieren. Die Insolvenz der Ufa könnte den großen Konkurrenten Cinemaxx und Cinestar wieder mehr Luft verschaffen“, meint Heinrich.

Die Entwicklung der Zuschauerzahlen gibt den Kinobetreibern Grund zur Hoffnung: Von 105,9 Millionen im Jahr 1992 ist die Zahl auf 178 Millionen im Jahr 2001 angestiegen. Noch reicht das jedoch nicht: Laut einer Studie der WGZ-Bank müssten die Bewohner von Ballungsräumen statt wie heute durchschnittlich zweimal künftig drei bis viermal im Jahr ins Kino gehen, damit sich alle Kinos rechnen. 20 Millionen Zuschauer mehr sind nach Ansicht von Nils Schilling, Mitglied der Geschäftsführung der Werbe Weischer KG, des Marktführers für Kinowerbung, nötig, um die Kinobranche profitabel zu machen.

Die Cinemaxx AG, die in der ersten Jahreshälfte einen Verlust von 6,9 Millionen Euro auswies, ist zuversichtlich: „Komfortable Kinos mit perfektem Blick auf die Leinwand werden immer mehr Besucher ins Kino locken“, hofft Sprecher Arne Schmidt. Nur an Standorten wie Berlin bleibe das Überangebot ein Problem. Auf die Idee der Ufa, niedrigere Mieten auszuhandeln, ist Cinemaxx auch gekommen: „Wir sprechen über die Kürzung unserer Saalmieten und haben bereits Erfolge erzielt.“ Die Eintrittspreise zu erhöhen, sei dagegen kaum möglich.

Zudem öffnen die Multiplexe ihre Säle auch für andere Veranstaltungen: „Bei uns gibt es Betriebsversammlungen, Wettbewerbe oder Lesungen“, sagt Cinestar-Sprecher Oesterlin. Dadurch wolle man neue Zielgruppen ansprechen. Denn noch sind 65 Prozent der Kinogänger unter 29 Jahre. Doch welche Marketing-Tricks sich die Kinos auch einfallen lassen – „Letztlich hängt alles von der Qualität der Filme ab“, sagt HDF-Geschäftsführer Kramer. Da müssen sich die Betreiber keine Sorgen machen – bis Ende des Jahres sind noch mehrere Blockbuster zu erwarten. Und vielleicht kommt im nächsten Jahr dann Teil II des „Schuh des Manitu“.

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