Was das Klima kostet (1) : Szenarien für die Wirtschaft

Ein Mann hat dem Klimawandel ein Preisschild verpasst: der britische Ökonom Nicholas Stern, der vor drei Jahren seinen aufsehenerregenden Report veröffentlichte. Um die Konzentration schädlicher Treibhausgase nicht weiter anwachsen zu lassen, müsse die Welt ungefähr ein Prozent ihrer Wirtschaftsleistung aufwenden – so lautete seine zentrale These.

Moritz Döbler

Ein Prozent – das sind derzeit um die 600 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: In der aktuellen globalen Rezession, der ersten seit dem Zweiten Weltkrieg, schrumpft die Wirtschaft in diesem Jahr ebenfalls um gut ein Prozent, schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF).

Doch zunehmend zeigt sich, dass Sterns Szenario viel zu optimistisch ist. Der Ökonom setzte einen globalen Emissionshandel und die schnelle Ausbreitung klimafreundlicher Technologien voraus. Beides ist nicht der Fall. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hält daher die Größenordnung von zwei bis drei Prozent der globalen Wirtschaftsleistung für richtiger. Das wären rechnerisch pro Jahr bis zu 1,8 Billionen Dollar (was der Hälfte der Wirtschaftsleistung Deutschlands entspricht).

Ein andere Frage ist, was die Regierungen der Welt aufwenden müssen, um den Klimawandel zu stoppen. Darum geht es beim Weltklimagipfel in einem Monat in Kopenhagen, und auch hier gehen die Schätzungen weit auseinander. Lord Stern hat in einem Vortrag vor vier Tagen in Berlin beziffert, welche Beträge er für erforderlich hält: Die Staaten der Welt sollten bis 2015 pro Jahr rund 50 Milliarden Dollar bereitstellen. Bis 2020 müsse die Summe auf 100 Milliarden anwachsen, danach auf 200 Milliarden.

Die Uno, die den Weltklimagipfel veranstaltet, hat die jährliche notwendigen Kosten bis zum Jahr 2030 auf 40 bis 170 Milliarden Dollar geschätzt und liegt damit in ungefähr der gleichen Größenordnung, wenn auch mit einer enormen Spannbreite. Doch das unabhängige Internationale Institut für Umwelt und Entwicklung (IIED) in London hält diese Schätzung für „völlig untertrieben“ und veranschlagt Beträge, die mindestens zwei- bis dreimal so hoch sind. Das wäre im Extremfall eine halbe Billion – 500 Milliarden – Dollar pro Jahr. Die Autoren der im Sommer veröffentlichten Studie werfen der Uno vor, die erwarteten staatlichen Ausgaben für entscheidende Bereiche ausgelassen zu haben, zum Beispiel Energie, Bergbau oder Tourismus, und fordern gründlichere Untersuchungen.

Doch all die Milliarden und Abermilliarden sind nur für das optimistische Szenario errechnet, dass die Welt tatsächlich tätig wird. Den Temperaturanstieg auf maximal zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen, lautet das Ziel. Doch was ist, wenn das nicht passiert? Oder: Was kostet die Welt? Auch hier gehen die Schätzungen der Ökonomen weit auseinander: Lord Stern rechnet damit, dass fünf bis zwanzig Prozent der globalen Wirtschaftsleistung bis zum Jahr 2100 verloren gehen könnten. Dagegen, so viel ist sicher, ist die aktuelle Wirtschaftskrise ein Klacks.

Weil der ungebremste Klimawandel teuer würde und weil umweltfreundliche Technologien der deutschen Industrie neue Chancen bieten, wirbt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für eine Einigung in Kopenhagen. „Wir können es uns nicht leisten, beim Klimaschutz von den wissenschaftlich gebotenen Zielen abzuweichen“, sagte sie bei ihrer Rede vor dem US-Kongress. „Denn die Entwicklung neuer Technologien im Energiebereich bietet große Chancen auf Wachstum und zukünftige Arbeitsplätze.“ Die Herausforderung verglich sie – passend zum bevorstehenden 20. Jahrestag – mit dem Mauerfall: „So wie wir im 20. Jahrhundert die Kraft hatten, eine Mauer aus Stacheldraht und Beton zu Fall zu bringen, so haben wir auch heute die Kraft, Mauern des 21. Jahrhunderts zu überwinden – Mauern in unseren Köpfen, Mauern eines kurzsichtigen Eigeninteresses, Mauern zwischen Gegenwart und Zukunft.“

Lord Stern begrüßt den Anspruch. „Es entspricht zwar nicht meinem Selbstverständnis als Brite, so etwas zu sagen, aber ich würde mir wünschen, dass Deutschland jetzt doch einmal die Führung übernimmt“, sagte er bei seinem Vortrag in Berlin – natürlich hatte er vor allem eine Ausgabenbereitschaft gemeint: Die 50 Milliarden Dollar, die von den Regierungen bis 2015 jährlich aufgebracht werden sollten, müssten zu einem Großteil aus Europa kommen. Von 15 bis 20 Milliarden Dollar sprach er, und natürlich müsse Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas den Löwenanteil beisteuern.

Wenn die Chancen auf Wachstum und Arbeitsplätze realisiert werden, von denen Merkel spricht, könnte Deutschland vom Kampf gegen den Klimawandel unter dem Strich profitieren. Doch hier fehlt es noch. Zwar gibt es kaum ein deutsches Unternehmen, das sich nicht zur Nachhaltigkeit bekennt. Auch gilt Deutschland bei vielen Technologien als führend. Doch die Autobranche als Schlüsselindustrie kommt nur langsam in Fahrt: Ein einziges Hybridmodell bietet sie bisher an, während allein der japanische Hersteller Toyota und seine Tochter Lexus schon mehr als zwei Millionen solche Fahrzeuge mit einem kombinierten Benzin- und Elektroantrieb verkauft haben. Reine Elektroautos kann man bei den großen Herstellern noch gar nicht kaufen. Und wenn es um Emissionshandel, Abwrackprämie oder andere politische Vorhaben geht, gelingt es der deutschen Industrie regelmäßig, Klimaschutzvorgaben aufzuweichen.

Kopenhagen wird im besten Fall ein Nachfolgeabkommen für das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll auf den Weg bringen und die Finanzierung regeln. Doch möglicherweise ist der Impuls, der von Kopenhagen für die Wirtschaft ausgehen kann, noch entscheidender: Klimaschutz muss ein gutes Geschäft werden.

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