Was Schüler wissen müssen : Giro- was?

Viele Jugendliche kennen sich mit Geld nicht aus. Das soll sich ändern.

von
Bricklebrit, heißt es im Märchen der Gebrüder Grimm, und schon lässt der Esel die Goldstücke fallen. Wer statt solcher Fantasiegeschichten lieber Fakten möchte, sollte besser den Wirtschaftsteil der Zeitung studieren. Foto: Mauritius
Bricklebrit, heißt es im Märchen der Gebrüder Grimm, und schon lässt der Esel die Goldstücke fallen. Wer statt solcher...Foto: mauritius images

Céline ist 14 Jahre alt und eine gute Schülerin. Den Satz des Pythagoras kennt sie, Französisch spricht sie fließend, doch was ein Girokonto ist, weiß die Berliner Schülerin nicht. „So etwas kommt bei uns im Unterricht nicht vor“, erzählt sie.

Céline ist kein Einzelfall. Jeder zweite Jugendliche hat keine Ahnung, wofür man ein Girokonto braucht, hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des Verbraucherministeriums herausgefunden. Und das ist nicht die einzige Wissenslücke: Obwohl fast alle der von Forsa befragten Zehntklässler ein Handy hatten, konnte nur ein Viertel der jungen Leute sagen, woran man einen günstigen Handyvertrag erkennt.

Eineinhalb Jahre sind seit der Umfrage vergangen. Eine Vielzahl von Initiativen ist seitdem gestartet worden, um das Finanzwissen der jungen Deutschen zu verbessern. Verbraucherministerin Ilse Aigner förderte den Aufbau einer Internetdatenbank mit Unterrichtsmaterialien und die Einrichtung eines Internetportals, das Finanzwissen vermitteln soll (siehe Kasten). Zudem lobte die Ministerin Preise für angehende Lehrer und Wissenschaftler aus, die Konzepte für die Vermittlung von Alltagskompetenzen im Unterricht erstellen. Am heutigen Donnerstag, dem Weltverbrauchertag, zeichnet Aigner die ersten Preisträger aus. Die 85 000 Euro, die der Wettbewerb kostet, sind nach Meinung der Ministerin gut angelegt: „Für junge Menschen ist es besonders wichtig, frühzeitig Alltags- und Konsumkompetenzen zu erwerben“, meint die CSU-Politikerin.

FÜR DIE SCHULE LERNEN

Internetportale, Lehrerpreise – Experten fordern mehr. Sie wollen ein eigenständiges Unterrichtsfach, in dem Schüler den Umgang mit Finanzen lernen, und zwar für alle Bundesländer. Denn derzeit ist Deutschland ein Flickenteppich. Während die niedersächsischen Haupt- und Realschüler ökonomische Bildung als Pflichtfach büffeln müssen, können die Schüler in Schleswig-Holstein das eher an Alltagsfragen orientierte Fach Verbraucherbildung als Wahlfach belegen. In Berlin und Brandenburg gibt es kein eigenes Schulfach, Fragen der Finanzbildung werden in anderen Fächern mitbehandelt.

Das muss ein Ende haben, fordert Hans Kaminski. Der Professor leitet das Institut für ökonomische Bildung in Oldenburg, das Materialien und Konzepte für die Lehrerausbildung und den Schulunterricht in Niedersachsen entwirft. Kaminski wirbt für Gründlichkeit. „Die Schüler müssen die Grundzüge der Ökonomie verstehen“, mahnte der Pädagoge kürzlich auf einem Forum des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands.

FÜRS LEBEN LERNEN

Braucht man also den kleinen Volkswirtschaftsschein, um als Verbraucher bestehen zu können? Immerhin gibt es heute allein im Geldanlagebereich 840 000 Produkte. „Man kann nicht immer up to date sein“, gibt Andreas Oehler zu bedenken. Um alles richtig zu machen, müsste man Betriebswirt, Datenschützer, Ökotrophologe, Versicherungskaufmann und Mediziner sein. „Man muss nicht alles wissen“, tröstet Oehler, der in Bamberg Finanzwirtschaft lehrt, „man muss aber wissen, wen man fragen kann.“ Der Professor denkt dabei an die Verbraucherzentralen oder an die Stiftung Warentest, in deren Verwaltungsrat er sitzt.

VERTRAUENSFRAGE

Die jungen Leute sehen das jedoch anders. In einer repräsentativen Umfrage des WDR aus dem vergangenen Jahr nannte die Mehrzahl der 14- bis 29-Jährigen nicht die Verbraucherzentralen und die Tester, sondern die Banken und die Eltern als verlässliche Informationsquellen in finanziellen Fragen.

Eine Fehleinschätzung, sagen Verbraucherschützer. Denn schlechte Finanzprodukte und mangelhafte Beratung verursachen nach Schätzung des Verbraucherministeriums Schäden von 30 Milliarden Euro im Jahr. Ineffiziente Riester-Verträge, Gebühren an Geldautomaten und hohe Dispozinsen verschlingen weitere 700 Millionen Euro im Jahr, Kreditvermittler richten einen Schaden von 150 Millionen Euro im Jahr an, haben Verbraucherschützer ausgerechnet. Gerd Billen, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, nutzt solche Erkenntnisse zur Werbung in eigener Sache: „Man braucht unabhängige Beratungsstellen“, fordert er.

ÜBERBLICK BEHALTEN

Das findet auch Marius Stark. Stark war Schuldnerberater, hat die Schuldnerberatung der Caritas organisiert und arbeitet heute ehrenamtlich für das Präventionsnetzwerk Finanzkompetenz, in dem sich Schuldnerberater, Verbrauchervertreter und Wissenschaftler zusammengeschlossen haben. Seine Erfahrung: Vielen Menschen, die in die Überschuldung rutschen, hätte eine frühzeitige Beratung helfen können. Wie man mit Geld umgeht, sollten Kinder schon im Elternhaus lernen, findet Kirstin Wulf. Ihre Firma Bricklebrit veranstaltet Seminare für Eltern. „Man redet in der Familie nicht über Geld“, kritisiert sie, „wie sollen die Kinder dann den Umgang mit Geld lernen?“

11 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben