Wirtschaft : Weichen für den Transrapid gestellt

Bahn soll Betriebsrisiko tragen / Kosten gestiegen / Erlöse geringer BONN/BERLIN (wei/hej/ro).Für die Industrie ist nun alles klar: "Der Transrapid wird gebaut", sagt Peter Wiegelmann, Sprecher von Thyssen Transrapid.Auch Peter Jablonski, Sprecher der Magnetschnellbahn-Planungsgesellschaft, hat keinen Zweifel mehr daran, daß "die Weichen jetzt endgültig gestellt sind".Zwar wird es Mitte 1998 noch einmal eine Überprüfung der Investitionskosten geben, doch erwarten alle Firmen, die noch am Transrapid-Konsortium beteiligt sind (Thyssen, Siemens, Adtranz), daß 1999 mit dem Bau der Transrapid-Strecke Berlin-Hamburg begonnen wird. Auch Verkehrsminister Matthias Wissmann zeigte sich am Freitag in Bonn zuversichtlich, im ersten Halbjahr 1998 den Startschuß zum Bau des Schnellzuges geben zu können.Daran dürften weder die gestiegenen Kosten für das Projekt noch die sinkenden Erlöserwartungen etwas ändern.Nach Einschätzung des Transrapid-Konsortiums, das noch um den französisch-schwedischen Konzern GEC Alsthom ergänzt werden könnte, dürfte der Bau der 300 Kilometer langen Strecke rund 6,1 Mrd.DM kosten, Züge und die übrigen Teile des Betriebssystems dürften mit 3,7 Mrd.DM zu Buche schlagen.Statt 8,9 Mrd.DM wie 1993 veranschlagt dürften die Kosten für das Projekt nun 9,8 Mrd.DM betragen.Zudem geht man von geringeren Einnahmen aus als seinerzeit angenommen.Während einst mit Einnahmen von 1,15 Mrd.DM kalkuliert worden war, rechnet man heute mit 700 bis 950 Mill.DM im Jahr.Wegen des steigenden Kostendrucks hatten die drei ursprünglich am Konsortium beteiligten Baukonzerne Holzmann, Hochtief sowie Bilfinger + Berger den Kreis verlassen.Nach Angaben von Holzmann-Sprecher Peez hätten die Baufirmen festgestellt, daß sie den bislang genannten Betrag für die Baukosten der Strecke nicht halten könnten.Der Auftrag soll nun international ausgeschrieben werden. Das Hauptrisiko als Betreiberin und Auftraggeberin soll, so Wissmann, nun die Deutsche Bahn übernehmen.Sie werde die Aufträge zum Bau der Strecke vergeben und den Transrapid ab dem Jahr 2005 betreiben.Das Konsortium werde eine private Finanzierungsgesellschaft gründen, die das Betriebssystem erwirbt und es der Bahn gegen ein festes Nutzungsentgelt zur Verfügung stellt.Diese Beträge muß die Bahn unabhängig vom Erfolg des Transrapid an die Finanzierungsgesellschaft zahlen.Die Raten entsprechen 72 Prozent der heute erwarteten Erlöse, abzüglich der jährlichen Betriebskosten von rund 250 Mill.DM.Insgesamt müßte die Bahn von 2005 bis 2022 rund 8,9 Mrd.DM an die Finanzierungsgesellschaft überweisen.In diese Gesellschaft bringen Thyssen, Siemens und Adtranz 500 Mill.DM Eigenkapital ein.Darüber hinaus soll sie einen Kredit von über 4,5 Mrd.DM aufnehmen. Die Weichenstellung zugunsten der Magnetschwebebahn ist in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern auf Zustimmung gestoßen.Dem planmäßigen Bau der weltweit ersten Magnetschnellbahn-Anwendungsstrecke stehe nun nichts mehr im Wege, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Landesregierungen.Nach Ansicht der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg wird das "Zukunftsprojekt" die Region "noch stärker als einen weltweit führenden Standort für Verkehrstechnologie profilieren". Rudi Schäfer, Vorsitzender der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED) begrüßte grundsätzlich die neue Vereinbarung über den Bau der Transrapid-Strecke.Dadurch, daß die Bahn jetzt eine zentrale Rolle übernehme, könne verhindert werden, daß ein Konkurrent einsteige.Gleichzeitig würden die Risiken für die Bahn minimiert.Zugleich hofft die GdED, daß durch die jetzige Vereinbarung und durch den Transrapid eine große Zahl von Arbeitsplätzen bei der Bahn gesichert werden.Die Industrie geht davon aus, daß durch den Bau des Transrapid insgesamt bis zu 18 000 Arbeitsplätze geschaffen würden und durch den Betrieb rund 4400 neue Stellen entstehen. Dagegen kritisierte die SPD-Verkehrspolitikerin Elke Ferner das neue Konzept: Nun werde die Bahn für den Transrapid bluten müssen.Albert Schmidt (Bündnis90/Grüne) befürchtet, daß "vorhersehbare Defizite in Milliardenhöhe" letztlich auf die Steuerzahler abgewälzt würden.Umweltverbände warfen der Bundesregierung vor, aus Prestigedenken an einem unwirtschaftlichen Projekt festzuhalten.

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