Wirtschaft : Weltbank: Allan Meltzer liest der Finanzinstitution die Leviten

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Es sind durchaus deftige Worte, die Allan Meltzer wählt. "Sie arbeitet ineffizient, ineffektiv mit zahlreichen Programmen aber ohne Prioritäten, obwohl das Ziel eindeutig ist." Gemeint ist die Weltbank, neben dem Internationalen Währungsfonds (IWF) die zweite der großen internationalen Finanzinstitutionen aus Washington, die sich um die Armen und Ärmsten der Welt kümmern soll.

1,2 Milliarden Menschen in Armut

Meltzer ist nicht irgendwer. Der Wirtschaftsprofessor der Carnegie Mellon University war Berater des US-Präsidenten. Er hat gemeinsam mit renommierten Kollegen im Auftrag des US-Kongresses Ende 1999 Reformvorschläge für Währungsfonds und Weltbank erarbeitet und damit für erheblichen Wirbel gesorgt. "200 Milliarden Dollar hat die Weltbank von 1987 bis 1998 für die Bekämpfung der Armut ausgegeben. Geholfen hat es nicht viel", poltert der grauhaarige Herr, der ein wenig an US-Notenbank-Chef Alan Greenspan erinnert, in den Frankfurter Räumen der Hypo-Vereinsbank vor Bankern und Studenten. Und trotzdem müssen weltweit immer noch 1,2 Milliarden Menschen in den ärmsten Ländern mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen.

Den Internationalen Währungsfonds hat der Professor schon in der Vergangenheit heftig attackiert, in Frankfurt traf es nun vor allem die Weltbank. "Dort weiß man selbst nicht, was falsch läuft." Statt Kredite an Regierungen auszureichen, müsse das Geld vielmehr direkt an die Programme und Projekte gehen. Außerdem soll sich die Weltbank übergeordneten globalen Zielen verschreiben. Etwa dem Kampf gegen Malaria: Mehr Geld für Forschung, mehr Geld für die Entwicklung eines Marktes, damit die Pharmaindustrie auch Anreize habe.

Mehr Autonomie für Reformpolitik

Vor allem aber plädiert Meltzer dafür, den Ländern selbst die Entscheidung über Reformen und Entwicklungsziele zu überlassen. Die aber sollen dann Gradmesser für Zuschüsse sein oder dafür, dass ein zinsgünstiger Kredit verlängert wird oder nicht.

Dass er die Mittel der Weltbank auch falsch verteilt sieht, erwähnt Meltzer fast beiläufig: Nur 30 Prozent der Kredite gehen an 145 arme und ärmste Länder, aber 70 Prozent an Schwellenländer wie Brasilien oder Argentinien. "Dabei leiht sich Argentinien ohnehin viel zu viel Geld und stürzt deshalb immer wieder in die Krise." Da kommt dann für Meltzer der IWF mit seinen milliardenschweren Rettungspaketen ins Spiel. In der Vergangenheit hat der Fonds gerade damit Länder wie Argentinien, Mexiko oder auch Russland immer wieder "rausgehauen". Und zugleich auch den Banken aus der Patsche geholfen.

Ein unmögliches Vorgehen, sagt Meltzer. Weil es den "moral hazard" fördere: Regierungen und Banken missachten Risiken, weil sie wissen, dass es im Krisenfall Rettung gibt. "Wer das Risiko eingeht, muss auch den Verlust im Auge haben", sagt Meltzer. Er klagt, dass der IWF genau damit den Reformwillen der Länder untergräbt und so die Basis für weitere Krisen legt.

Offene Märkte, solide Finanzsysteme, Banken, die nicht nach politischen Vorgaben agieren, und ein stabiles politisches System, das sind für Meltzer wichtige Aspekte durchgreifender Reformen. Dass einzelne Krisenländer wie derzeit die Türkei sanfter angepackt werden, weil sie Nato-Partner sind, hält er für falsch. Für die (friedlichen) Demonstranten, die alljährlich bei den Jahrestagungen von IWF und Weltbank auf die Straße gehen, hegt der Wirtschaftsprofessor Sympathien. Wie sie hält Meltzer die Auflagen des IWF für die Auszahlung der Kredite für fatal. Reformen könnten nur dann Erfolg haben, wenn sie im Land selbst mit Überzeugung angepackt würden. "Der IWF soll nur Anstöße liefern."

Bei aller Kritik sieht er Bewegung in den beiden schwerfälligen Institutionen. Der neue IWF-Chef Horst Köhler habe Kreditprogramme gestrafft, für klarere Strukturen und mehr Transparenz gesorgt. Jetzt müssten beide Häuser noch die Überschneidungen in vielen Bereichen abbauen. Aber es bleibt unwahrscheinlich, dass sich der IWF letztlich, wie es Meltzer fordert, nur um Zahlungsbilanzen kümmert und die Weltbank allein den Kampf gegen die Armut im Auge hat. Dass haben Köhler und Weltbank-Präsident James Wolfensohn schon mehrfach deutlich gemacht.

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