Wirtschaft : Weltkonjunktur: Lesen im Kaffeesatz

Carsten Brönstrup

Konjunkturprognosen lassen sich trefflich missbrauchen. Vor allem in diesen Tagen zum Jahreswechsel: Die einen mäkeln am mickrigen Wachstum herum und reden einem bevorstehenden Abschwung der Wirtschaft das Wort. Die anderen sehen ein immer noch gesundes Konjunkturklima und verheißen beste Aussichten für 2001, zumal ja alle Prognosen namhafter Auguren und Institute in die gleiche Richtung zeigen. Doch für Stimmungsmache taugt kaum etwas so wenig wie Prophezeiungen über das Wirtschaftswachstum. Trotz ausgefeilter Berechnungsmodelle der Ökonomen haben Konjunkturprognosen stets auch etwas mit Kaffeesatz-Leserei zu tun. Denn beim Bruttoinlandsprodukt ist ein halbes bis ein Prozentpunkt Abweichung nach oben und unten immer möglich. Das liegt jedoch nicht an mangelnder Sorgfalt der Forscher. Die Zutaten zu einer Prognose - Wechselkurse, Rohstoff- oder Importpreise etwa - lassen sich nur äußerst schwer kalkulieren. Zudem können so genannte externe Schocks die sorgfältig ausgerechneten Wachstumszahlen schnell über den Haufen werfen. 1990 war es die deutsche Einheit, 1995 waren es ungewöhnlich hohe Lohnabschlüsse, 1997/98 die Asienkrise und im Jahr 2000 der explodierende Ölpreis, die Unordnung in die Statistik brachten. So kam es, dass seit Jahrzehnten die Treffsicherheit praktisch unverändert gut oder schlecht ist. Prognose-Unterschiede wie zwischen dem Institut für Weltwirtschaft in Kiel mit 2,4 Prozent Zuwachs für 2001 und dem Internationalen Währungsfonds mit 3,25 Prozent zeugen deshalb weder von düsterem Pessimismus noch von Schönfärberei oder Inkompetenz. Man weiß es eben nicht so genau.

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