Wirtschaft : "Wenn es um mich geht, wird alles gleich zur Affäre"

Der baden-württembergische Finanzminister Gerhard Mayer-Vorfelder zu Vortrags-Honoraren, Fußball und den Börsenplänen der Vereine

TAGESSPIEGEL: Herr Mayer-Vorfelder, was wäre das Schlimmste für Sie: Wenn der VfB Stuttgart in der kommenden Saison absteigen würde, wenn die deutsche Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in der ersten Runde rausfliegen würde, oder wenn Sie nicht mehr Finanzminister wären?

MAYER-VORFELDER: Ich denke immer positiv.Ich bin gern Finanzminister, der VfB darf nicht absteigen, und der DFB muß mit seiner Nationalmannschaft mindestens in die zweite Runde kommen.

TAGESSPIEGEL: Können Sie sich überhaupt erlauben, nach Frankreich zu fahren? Oder müssen Sie nicht in Stuttgart die Stellung halten und Ihr Amt verteidigen?

MAYER-VORFELDER: Ich wollte sowieso nur zu bestimmten Spielen nach Frankreich fahren.Und das werde ich auch tun.

TAGESSPIEGEL: Trotz der neuen Affären?

MAYER-VORFELDER: Wenn es um mich geht, wird alles gleich zur Affäre.Ich will mal festhalten: Von all den Dingen, die gegen mich vorgebracht worden sind, ist nichts hängen geblieben.Da war die Sache Graf - ein übler Vorwurf, der vollkommen aus der Luft gegriffen war, da war Toto/Lotto, wo man den Geschäftsführern ein etwas barockes Verhalten vorgeworfen hat ...

TAGESSPIEGEL: ...und Sie als Aufsichtsratschef zurücktreten mußten.

MAYER-VORFELDER: Das habe ich aber von mir aus gemacht.Weil ich keine Lust mehr hatte, nach all den Diskussionen im politischen Raum.Da ist mir als Aufsichtsratsvorsitzendem vorgeworfen worden, einzelne Belege in der Buchhaltung nicht geprüft zu haben.Das sind seltsame Vorstellungen von der Tätigkeit eines Aufsichtsrats.

TAGESSPIEGEL: Und was ist mit den Vorwürfen, den Geldern für Beiratssitze und dem Honorar von der L-Bank?

MAYER-VORFELDER: Ich habe kein Honorar gefordert, sondern die Bank hat mir ein Honorar geschickt.Es gab an jenem Tag insgesamt drei Vortragende, und einer - nicht ich - hat ein Honorar verlangt.Dann hat der Vorstandsvorsitzende der L-Bank, Sauer, aus Gleichheitsgründen allen dreien ein Honorar geschickt.Ich habe keine Probleme gesehen, die 5000 DM anzunehmen.Es ist doch nicht untersagt, daß Minister für Vorträge ein Honorar akzeptieren.

TAGESSPIEGEL: Und die Beiräte? Meinen Sie immer noch, daß Sie das Geld behalten dürfen?

MAYER-VORFELDER: Ich habe die Beiräte nicht erfunden.Die großen Wirtschaftsunternehmen haben die Beiräte gegründet, um ein Gesprächsforum zu haben und hochrangige Unternehmer mit Leuten aus der Politik zusammenzuführen.Als ich 1991 Finanzminister wurde, habe ich mich genau erkundigt, ob ich die Einnahmen aus meiner Beiratstätigkeit abführen muß.Damals wurde mir gesagt, es gäbe eindeutige Kabinettsbeschlüsse: Ich müsse nur die Gelder abführen, die ich für die Tätigkeit in Organen, in die ich qua Amtes entsendet werde, erhalte.Für die Mitarbeit in einem Beirat bräuchte ich dagegen keine Genehmigung des Landtags, da die Beiräte keine Organe seien, und ich dorthin auch nicht von der Regierung entsandt werde.Und ich sage Ihnen noch etwas: Auch meine Vorgänger haben die Einnahmen nicht abgeliefert.Jetzt wird das alles hochstilisiert, weil es um Mayer-Vorfelder geht.Nun wird daraus eine moralische Frage gemacht.Aber für mich sind Recht und Moral noch immer identisch.Wenn man mir rechtlich keinen Vorwurf machen kann, habe ich auch keine moralischen Bedenken.

TAGESSPIEGEL: Dennoch gibt es Gerüchte, daß Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt schon darauf spekuliert, Sie als Präsident des VfB Stuttgart abzulösen.

MAYER-VORFELDER: Ich halte es für unwahrscheinlich, daß Herr Hundt solche Gedanken hat.Ich kenne Herrn Dr.Hundt gut, wir treffen uns hin und wieder - er ist ja Vorsitzender beim Freundeskreis des VfB -, also ehrlich: Das ist Unsinn.

TAGESSPIEGEL: Eine Frage an den Fußball-Experten: Sollen tatsächlich alle 18 Bundesliga-Erstligisten an die Börse, wie es der DG Bank vorschwebt?

MAYER-VORFELDER: Das Going-public der Bundesliga ist derzeit in aller Munde.Man schaut über die europäischen Grenzen hinüber und sieht Manchester United.Man sieht nicht die sechs Vereine, die pleite gegangen sind.Und man sieht nicht, daß bei vielen Vereinen die Aktien inzwischen unter den Ausgabekurs gerutscht sind.Wir wollen zwar auf dem nächsten DFB-Bundestag den Clubs die Möglichkeit eröffnen, an die Börse zu gehen, aber der Börsengang wird kein Muß.Und wir werden bestimmte Sicherungen einbauen.So muß der Stammverein immer 50 Prozent der Aktien plus eine halten.

TAGESSPIEGEL: Damit Dortmund nicht München kaufen kann?

MAYER-VORFELDER: Ja, genau.Und damit nicht plötzlich der Sitz des Unternehmens verlegt werden kann.Außerdem darf nicht ein Investor mehrere Vereine haben, damit Manipulationen ausgeschlossen sind.

TAGESSPIEGEL: Was können die deutschen Vereine für einen Börsengang in die Waagschale werfen?

MAYER-VORFELDER: Die deutschen Vereine haben kaum Immobilien, die Spieler dürfen seit dem Bosman-Urteil nicht mehr bilanziert werden ...

TAGESSPIEGEL: Und die Fanartikel?

MAYER-VORFELDER: Das Merchandising-Geschäft wird überschätzt.Es werden oft Umsatz und Gewinn verwechselt.Beim Fan-Geschäft können Sie mit einer Gewinnspanne zwischen 10 und 12 Prozent rechnen.Wenn jemand 60 Mill.DM Umsatz macht, bringt das einen Gewinn von sechs Mill.DM vor und drei Mill.DM nach Steuern.Wenn ein Verein einen Spieler verpflichtet, zahlt er drei Mill.DM Minimum.Das frißt dann die Merchandising-Einnahmen eines ganzen Jahres auf.

TAGESSPIEGEL: Wer ist denn reif für die Börse?

MAYER-VORFELDER: Wenn ich mir die Kriterien Gewinn und Gewinnerwartung anschaue, würde ich sagen: Bayern München.Und Leverkusen.Der Verein ist bereits Teil einer Aktiengesellschaft.Ihm gehört das Stadion, in Stadionnähe soll noch ein Hotel gebaut werden, und das könnte man als Sacheinlage mit der Lizenzspieler-Abteilung in eine Tochter einbringen.In Frage kommt auch noch Werder Bremen.Werder hat viele Aktivitäten in GmbHs ausgelagert und könnte diese Gesellschaften in einer Holding als AG zusammenfassen und den Lizenzbereich anhängen.Bei Dortmund habe ich dagegen meine Zweifel.

TAGESSPIEGEL: Was halten Sie von dem Tennis-Borussia-Modell - ein Investor kauft den Verein und bietet den Mitgliedern stille Beteiligungen am Club an? Ist das eine Alternative zur Börse?

MAYER-VORFELDER: Tennis Borussia ist ein völlig fremdbestimmter Verein.Ich wäre niemals bereit, die Seele des Vereins zu verkaufen.Beim VfB Stuttgart ist vertraglich klargestellt, daß die Göttinger Gruppe keinen Einfluß auf den Verein ausübt.Ich betrachte aber auch das Verhältnis von Hertha BSC und Ufa sehr kritisch.



TAGESSPIEGEL: Wegen der finanziellen Abhängigkeit der Hertha von der Ufa?

MAYER-VORFELDER: Für das operative Geschäft ist der Vorstand zuständig.Es kann doch nicht sein, daß ein Präsident am Nasenring durch die Landschaft geführt wird.Bei Kaiserslautern ist das ja ähnlich.Wenn die Geldgeber bestimmen wollen, sollen sie doch in den Vorstand gehen.

TAGESSPIEGEL: Ohne die Ufa könnte Hertha den Laden zumachen.

MAYER-VORFELDER: Ja, aber das darf trotzdem nicht sein.Das Problem wird sich noch durch die Einzelvermarktungsverträge verschärfen, die die Vereine jetzt abschließen.Die großen Vermarkter wie ISPR, Ufa und SportA sagen den Vereinen: "Übertragt uns die ganze Vermarktung im Stadion, gebt uns das Recht zur Einzelvermarktung im Fernsehen." Dadurch gewinnen sie einen unglaublichen Einfluß.Wie Sie wissen, hatte Stuttgart kürzlich Ärger mit seinem Trainer.In einer solchen Situation braucht ein Vermarkter doch nur zu sagen: "Ich ziehe mich zurück, wenn der Trainer nicht so und so heißt", und macht damit Druck.Die Vereine passen nicht auf: In den Verträgen muß ganz klar geregelt werden, daß die Vermarkter keine Einwirkungsmöglichkeiten haben.

TAGESSPIEGEL: Apropos Vermarktung.Kaum hatte der Bundesgerichtshof entschieden, daß der DFB die Fernsehrechte für die Heimspiele im Uefa-Cup und im Pokalsiegerwettbewerb nicht mehr zentral vermarkten darf, hat die Kartellnovelle dem Verband wieder freie Hand gegeben.

MAYER-VORFELDER: Das Bundeskartellamt hatte ja auch die zentrale Vermarktung der Bundesliga im Visier.Aber die Einzelvermarktung der Spiele durch die Vereine hätte die Bundesliga auseinandergerissen.Es gäbe dann nur drei, vier Vereine, die interessant wären, und die grauen Mäuse hätten das Nachsehen.Das wäre der Tod der Bundesliga.Deshalb haben wir an die politische Ebene appelliert.Für die nächste Saison ist damit klar, daß die zentrale Vermarktung auch weiterhin zulässig ist.

TAGESSPIEGEL: Eine andere Frage scheint sich dagegen erledigt zu haben: der Streit um die Fernsehrechte des Leo Kirch für die Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006.

MAYER-VORFELDER: Wer die deutsche Nationalmannschaft sehen will, kann das im Free-TV tun.Die Fifa arbeitet derzeit an einer Langfassung der Verträge mit Kirch, wo das ausdrücklich festgelegt werden soll.Man hätte gar keinen Staatsvertrag gebraucht.Überhaupt ist es unglaublich, wie locker die Ministerpräsidenten mit den Eigentumsrechten des Herrn Kirch umgegangen sind.

TAGESSPIEGEL: Und wer wird Weltmeister?

MAYER-VORFELDER: Ich glaube Brasilien.Aber Deutschland soll mit im Endspiel sein.

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