Wirtschaft : Wenn Sommer auf dem Schirm erstarrt

GEORG WEISHAUPT (HB)

Ron Sommer gibt sich betont zuversichtlich."Die Aktionäre werden weiterhin allen Grund haben, auf die Leistungsfähigkeit der Telekom zu setzen", erklärt er am vergangenen Donnerstag auf der Hauptversammlung des Unternehmens.Dann erstarrt das Gesicht des Vorstandschefs von einer auf die andere Sekunde.Was ist passiert? Sind Sommer etwa Zweifel an seiner Aussage gekommen? Nein! Die Schrecksekunde erlebt nur derjenige, der die Telekom-Hauptversammlung von seinem Computer aus verfolgt.

"Hauptversammlung der Deutschen Telekom.Live aus Hannover." steht über dem nicht einmal telefonkartengroßen Minifernsehschirm auf dem PC-Monitor.Wenn Sommer elegant seine Brille zurechtrückt, dann wird daraus auf der Mattscheibe eine eher ruckartige Bewegung.Und der Beifall zu seiner Rede fällt kürzer aus, weil der Ton aussetzt: Engpässe im Internet.

Die Telekom hat mit der vollständigen Übertragung ihrer Hauptversammlung im Internet eine Pionierrolle übernommen.Nicht nur Ron Sommer kann von jedem Computer aus weltweit bei seinem Hannoveraner Auftritt bestaunt werden, auch die zahlreichen Aktionäre, die ans Rednerpult treten.So breit hat noch keine deutsche Aktiengesellschaft das Internet zum Wohle ihrer Shareholder genutzt.

Aber der Trend nimmt zu.So bewunderten unlängst nicht nur die 14 000 Besucher der Stuttgarter Schleyer-Halle den Daimler-Chef Jürgen Schrempp.Viele Aktionäre verzichteten auf die Reise - damit auch auf Würstchen und Kuchen -, und sahen sich den Herrn der Sterne lieber auf ihrem PC-Monitor an.

Aber: Nach Schrempps ausführlichem Statement blendete sich das Daimler-Internet-Fernsehen aus."Die Fragerunde mit den Aktionären können wir aus rechtlichen Gründen nicht übertragen", begründet Pressesprecher Eckhard Zanger die gekappte Live-Übertragung.Aus diesem Grund will sich auch der private Fernsehsender Pro 7 bei seiner Direktsendung zur Hauptversammlung am 7.Juli aus München auf die Reden der Chefs von Vorstand und Aufsichtsrat beschränken.

Die Telekom hat dieses Problem gelöst.Jeder Aktionär kreuzt auf dem Rednerzettel an, ob er mit der Verbreitung im Internet einverstanden ist.Die Redner sind es.

Läutet die Live-Übertragung das Ende der klassischen Hauptversammlung mit Kaffee und Kuchen ein? "Nein", meint Jella Benner-Heinacher von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V., Düsseldorf.Sie sieht das Angebot im Internet vielmehr als Ergänzung zur herkömmlichen Veranstaltung, um vor allem "die jungen Aktionäre zu erreichen".

Die übrigen Anteilseigner scheinen den Spaß an der traditionellen HV nicht zu verlieren - wenn auch ein Aktionär Ron Sommer auffordert, die nach Hannover Gereisten mit einer speziellen Telefonkarte zu belohnen.Die Versammlungen großer Gesellschaften sind gut besucht.Manche werden sogar regelrecht überlaufen wie die von Daimler-Benz, die einen Rekord verbuchte.

Dennoch dürfte das Internet die HV-Kultur beeinflussen.Wenn sich Aktionäre über PC in die Fragerunde einklinken könnten, würde dies "die Attraktivität der Hauptversammlungen erhöhen", hofft Frau Benner- Heinacher.

Die Telekom-HV der Zukunft könnte so aussehen: Sommer und seine Kollegen sitzen in einem Bonner Studio.Die Aktionäre stellen ihre Fragen über PC und stimmen per Mausklick über die Dividendenzahlung ab.Wehmütig werden sich dann aber die knapp 6000 Aktionäre der guten alten Zeit erinnern, als sie sich 1998 in Hannover noch leckere Buletten schmecken lassen konnten.

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