Wirtschaft : Wie dicke Kinder dünner werden

Seehofer will Wissen über gute Ernährung vermitteln – mit den Ländern, aber ohne die Industrie

Maren Peters

Berlin - In der Frage, wie man dicke Kinder wieder dünner macht, bahnt sich ein Konflikt zwischen der EU-Kommission und der Bundesregierung um die richtigen Maßnahmen an. Während die EU-Kommission auch gesetzliche Regelungen befürwortet, schloss Verbraucherstaatssekretär Gerd Müller am Dienstag Eingriffe des Staates ausdrücklich aus. „Wir werden das Problem nicht durch staatliche Reglementierungen wie Werbeverbote lösen“, sagte Müller bei einem Ernährungskongress in Berlin. Stattdessen kündigte er für das kommende Frühjahr einen „Aktionsplan Ernährung“ an, mit dem der Staat helfen wolle, „Bewusstseinsbildung“ zu betreiben. Die Verantwortung für Leben und Gesundheit müsse man aber in der Verantwortung jedes Einzelnen belassen, betonte Müller. Eine Regelungskompetenz der EU in diesen Fragen schloss Müller ausdrücklich aus.

Übergewicht ist für das Gesundheitssystem ein massives Problem, weil aus dicken Kindern meistens auch dicke Erwachsene werden. In Deutschland sind bereits 1,9 Millionen Kinder übergewichtig oder fettleibig, außerdem 23 Millionen erwachsene Männer und 17 Millionen Frauen. 80 Prozent der Menschen, die im Alter von sieben Jahren zu viele Pfunde auf den Rippen haben, werden die überflüssigen Kilos auch im Erwachsenenalter nicht los, sagte Erik Harms, Kinderarzt und Vorsitzender der Plattform Ernährung und Bewegung. Das ist ein vor zwei Jahren gegründeter Zusammenschluss aus Ernährungsunternehmen, Krankenkassen und Ländern, der ebenfalls die Bewusstseinsbildung stärken soll. Nach Angaben von Staatssekretär Müller verursachen die Aufwendungen für ernährungsbedingte Krankheiten bereits 30 Prozent aller Kosten im Gesundheitswesen, insgesamt rund 80 Milliarden Euro. Häufige Spätfolgen von Übergewicht sind Gelenkschäden, Herz-Kreislauf-Probleme und Diabetes.

Der angekündigte „Aktionsplan Ernährung“ aus dem Seehofer-Ministerium setzt bei der Aufklärung an. „Wir wollen die Ernährungsbildung stärken“, sagte Staatssekretär Müller und nannte als Beispiele die Einführung eines Unterrichtsfachs Ernährung und mehr Sportkurse in den Schulen. Müller räumte allerdings ein, dass dies vor allem Aufgabe der Bundesländer und des Einzelnen ist. Dem Ministerium gehe es vor allem darum, Anstöße zu geben, sagte er. Wie viel Geld der Bund für entsprechende Maßnahmen in die Hand nehmen will, sagte er nicht.

Kurzfristige Erfolge seien nicht zu erwarten, warnte Plattform-Chef Harms. Ein Projekt für Übergewichtige in Frankreich, das 1996 gestartet wurde, habe aber gezeigt, dass langfristig Erfolge möglich sind. Inzwischen sei das Projekt auf acht Städte mit 500 000 Einwohnern ausgeweitet worden.

Konkretere Pläne zur Verschlankung der Bevölkerung hat die EU-Kommission. Paula Pinho, die Mitglied im Kabinett von Verbraucherkommissar Markos Kyprianou ist, bekräftigte am Dienstag, dass die EU der Industrie mit gesetzlichen Maßnahmen wie Werbebeschränkungen und verpflichtenden Nährwertangaben das Leben erschweren wird. Ein Vorschlag zur Lebensmittelkennzeichnung werde im Laufe des nächsten Jahres vorgelegt, kündigte Pinho an.

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