Wirtschaft : Wie in der Fabrikhalle

Beim rein medizinischen Training zählt nur die Gesundheit

$AUTHOR

In den Frühzeiten der Industrialisierung mag es kaum anders ausgesehen haben. Graue Maschinen stehen dicht an dicht, schwitzende Körper drücken Hebel, ziehen Riemen. Klobige Gewichte knallen. Nur die Neonröhren strahlen hell und unerbittlich, wo einst Petroleumfunzeln ihr schwaches Licht verbreiteten. Und es gibt noch einen Unterschied: Die Menschen hier im Maschinensaal werden für ihre Mühe nicht bezahlt. Im Gegenteil. Sie rackern sich freiwillig an den eisernen Monstern ab und bezahlen auch noch dafür. Das nennt man Fitness, genauer gesagt medizinisches Krafttraining. Schließlich sind wir bei der Schweizer Firma Kieser.

Acht Trainingshallen – von Studios kann keine Rede sein – gibt es inzwischen in Berlin. Und wäre es nicht jedesmal ein anderes Gebäude, man könnte sie verwechseln. Kieser bietet standardisiertes Muskeltraining – sauber, ordentlich, nüchtern. Über 80 Mal in Deutschland. Ein Tipp für Vielreisende. Schon das Motto des Firmengründers „Ein starker Rücken kennt keinen Schmerz“ zeigt, wo es langgeht. Hier wird Wohlbefinden produziert – mit orthopädischem Anspruch.

Helmuth Fiebig, Facharzt für Orthopädie, setzt auf dasselbe Prinzip. Sein „Orthovita“-Studio in Zehlendorf soll aber keine Gesundheitsfabrik, sondern ein medizinisches Präventionszentrum für die ganze Familie sein. Natürlich stehen auch bei ihm die Kraftmaschinen im Dutzend herum. Doch bietet der Einzelkämpfer auf dem Berliner Fitnessmarkt mehr: von der Problemzonengymnastik bis zum Dehnungskurs. Damit auch die Seele etwas hat, sagt Fiebig.

Großen Wert legt der Zehlendorfer Facharzt auf die krankengymnastische Betreuung seiner Kunden. Das unterscheidet ihn auch von der Fitness-Konkurrenz, die nicht mit voll ausgebildeten, sondern allenfalls mit gut geschultem Personal arbeitet. Kieser immerhin bietet eine Arztvisite zum Trainingseinstieg. Von dieser Viertelstunde sollte man sich aber nicht zu viel erwarten.

Kieser wie Fiebig haben mit den Mucki-Buden bekannten Stils absolut nichts gemeinsam. Beide wollen auch nicht der Mercedes unter den Fitness-Studios sein, sondern nur anders. Ganz anders sogar. Ihnen geht es um Gesundheit, nicht um Schönheit. Es hat schon seinen guten Grund, dass Kiesers Trainingszentren eher Fabrikhallen gleichen.

Und in dieser Umgebung fließt der Schweiß kontrolliert. Denn es kommt nach der Philosophie des Schweizer Firmengründers Werner Kieser, der seine Trainingszentren seit über 30 Jahren im Franchisesystem betreibt, nicht darauf an, sich und den ganzen Körper bis zum Zusammenbruch zu verausgaben. Bei Kieser werden einzelne Muskeln gezielt trainiert – das aber bis zur völligen Erschöpfung. Trotzdem: Übertreibung ist streng verboten. Zwischen den einzelnen Trainingsrunden sollen mindestens zwei Tage liegen.

Resümee: Wer mit Kieser oder Orthovita nur einen schönen Körper formen oder seinen Angeber-Bizeps stählen will, ist fehl am Platze. Die Atmosphäre ist ungezwungen. Rentner trainieren neben Studenten, verformte Büromenschen neben dynamischen Jungmanagern. Das Durchschnittsalter liegt bei Kieser um die 45. Und alle wollen das gleiche. Ohne das übliche Fitness-Studio-Schaulaufen Vorsorge treiben, Schmerzen auskurieren und Muskeln wie Seele neuen Halt geben. Dieter Fockenbrock

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben