Wirtschaft : Wiedeking keilt nach allen Seiten

Angriff auf Politik und Betriebsräte wegen Mitbestimmung und Klimaschutz / Rekordjahr in Aussicht

Stuttgart - Porsche steuert wieder auf einen Rekord zu. In den ersten sechs Monaten des laufenden Geschäftsjahres 2007/08 (31. Juli) hat der Sportwagenhersteller neue Bestmarken bei Umsatz und Absatz erreicht und zeigt sich zuversichtlich für das Gesamtjahr. In den Monaten August bis Januar werde der Umsatz vorläufigen Zahlen zufolge um gut 14 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro steigen, sagte Porsche-Chef Wendelin Wiedeking am Freitag auf der Hauptversammlung in Stuttgart. Sprecher der Kleinaktionäre lobten den Kurs von Porsche. Kritik am Rekordgehalt von geschätzt 60 Millionen Euro für Wiedeking im vergangenen Jahr gab es von den rund 4800 Aktionären auf der Versammlung nicht.

Wiedeking kritisierte scharf das geplante neue VW-Gesetz. „Wir können im Vorgehen des Bundesjustizministeriums keinen Sinn erkennen“, sagte er. Bundesjustizministerin Birgitte Zypries verteidigte dagegen ihre Pläne, den Arbeitnehmern ein Vetorecht bei Betriebsschließungen einzuräumen. „Ich halte es für gut und richtig, wenn die Entscheidungen über Verlagerungen von Produktionsstätten nicht gegen die Stimmen der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat getroffen werden können“, sagte Zypries der „Braunschweiger Zeitung“ . Die geplante Schließung des Handywerks von Nokia zeige die Folgen einer einseitigen Renditeorientierung auf. Das bisherige VW-Gesetz hatte der Europäische Gerichtshof (EuGH) im Oktober in zentralen Teilen für nicht mit EU-Recht vereinbar erklärt, weshalb die Bundesregierung nun an einer Reform des Gesetzes arbeitet.

„Sollte dieser Entwurf Gesetzeskraft erlangen, könnten wir mit elementaren Entscheidungen an Niedersachsen scheitern“, sagte Wiedeking dazu. Niedersachsen ist mit gut 20 Prozent zweitgrößter VW-Aktionär nach Porsche mit knapp 31 Prozent. Warum könne VW nicht ein normales Unternehmen wie BASF, BMW, Daimler oder Siemens sein, fragte Wiedeking. Dagegen meinte der IG Metall-Vorsitzende Berthold Huber: „Wer die Modernisierung des VW-Gesetzes verhindern will, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Der Fall Nokia zeige, dass Arbeitnehmer mehr Schutz vor den negativen Folgen eines „zügellosen Profitstrebens“ bräuchten. Im Mitbestimmungsstreit mit dem VW-Betriebsrat gab sich der Porsche-Chef kämpferisch. „Niemand wird uns mehr daran hindern, die nächsten Schritte zu gehen, sofern wir es wollen – auch nicht der Konzernbetriebsrat von Volkswagen“, sagte er. Der Klage der Wolfsburger, die vor dem Arbeitsgericht in Ludwigsburg verhandelt wird, sehe er gelassen entgegen.

Porsche-Kreise machten aber am Freitag deutlich, dass man eine Verhandlung möglichst vermeiden wolle. Es werde damit gerechnet, dass sich die Betriebsräte von Porsche und VW in den nächsten Tagen treffen, um eine Einigung zu erzielen. Der VW-Betriebsrat kritisiert die vorgesehene Mitbestimmungsregelung in der neuen Porsche Holding. Derzeit ist im Aufsichtsrat der Holding eine Arbeitnehmervertretung von je drei Porsche- und drei VW-Vertretern vorgesehen, wodurch sich die weit größere VW-Belegschaft benachteiligt sieht.

Die Vorschläge der EU-Kommission zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes kritisierte Wiedeking als „ungeheuerlich“ und einseitig. Denn sie schonten die südeuropäischen Automobilhersteller weitgehend und belasteten fast ausschließlich die deutschen Autobauer. Den deutschen Premiumherstellern würde bei der Verwirklichung schwerer Schaden entstehen. Die EU-Kommission hat vorgeschlagen, dass der CO2- Ausstoß bei europäischen Fahrzeugen ab 2012 nur noch 120 Gramm pro Kilometer betragen darf; die deutschen Hersteller liegen in der Regel darüber. „Allein das Herumzuckeln mit putzigen Kleinwagen aus Italien und Frankreich soll uns vor dem drohenden Untergang retten“, sagte Wiedeking. Überhaupt nehme die Klimadiskussion hysterische Züge an. „Die Guten, das sind dann diejenigen, die im Winter zwei Pullover anziehen und die Heizung herunterfahren oder die sich im Schein von 40-Watt-Glühbirnen die Augen verderben. Und ganz schnell werden diejenigen zu Klimakillern, die eine elektrische Zahnbürste verwenden“, meinte der Porsche-Chef. dpa

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