Wirtschaft : Wilfried Sellenriek

Geb. 1952

Thomas Loy

Alt werden ist was für Stadtneurotiker. Er blieb „gefühlte 20“. Ästhetik ist eine Frage der politischen Haltung. Willis Pulli zeigte blaue Punkte auf rotem Grund. Damit war er als Linker mit konservativen Einsprengseln klar erkennbar. Konservativ war er vor allem, indem er seinem Pullover viele Jahre hindurch die Treue hielt. Selbst in der „Drehscheibe“, einer Kneipe, in der das Bier in stramm kommunistische Kehlen floss, war die kapitalistische Warenästhetik nicht völlig ausgemerzt. Der Student im Pullover musste sich oberflächlicher Sticheleien werbeverblendeter Modeopfer erwehren, und er tat es gern. Sein Selbstbewusstsein war schon immer gut entwickelt, und als Zapfer arbeitete er schließlich in herausgehobener Stellung.

Der provozierend uncoole Pullover hatte auch etwas mit Willis Vorleben zu tun. Er kam von einem Bauernhof in Ostwestfalen. In der Landwirtschaft wird das Sozialprestige nicht an Markenklamotten gemessen, sondern an Größe und Zahl der Landmaschinen. Willi erzählte seinen Töchtern gerne, was für eine große Sache es war, als sie sich den ersten Trecker leisten konnten. Damals waren Trecker noch so konstruiert, dass sie ihren Besitzer überlebten. Willi liebte die unvergänglichen Dinge. Als er es sich leisten konnte, ließ er seine Schuhe maßanfertigen. Ein Paar, das seine Wertschätzung suchte, musste mindestens zehn Jahre durchhalten.

Willi sollte den elterlichen Hof übernehmen, wollte aber lieber Architektur studieren. Nicht im nahen Bielefeld, sondern im vorrevolutionären Berlin. Das ging dem Vater entschieden zu weit. Die übliche Studenten-Apanage verweigerte er. Trotzdem ging Willi nach Berlin, und trotzdem kam er jedes Jahr zur Ernte nach Hause und half mit. Im Grunde blieb er ein Landmensch. In den letzten Jahren seines Lebens plante er den Ausstieg, die Rückkehr auf den Acker. Einen Resthof wollte er kaufen, irgendwo im Wendland, wo er mit Freunden jahrelang gegen das Atomlager Gorleben protestiert hatte.

Die Füße sind zum Laufen, der Kopf zum Denken und die Hände zum Arbeiten da. Im Beisein Willis fiel es schwer, einfach nichts zu tun. Er holte als Erstes den Rasenmäher aus dem Schuppen, wenn die Familie am Wochenende im Ferienhaus ankam. Alles sollte solide und funktionstüchtig sein und nichts dem Zufall überlassen werden. So baute Willi auch seine Hotels, in Amsterdam oder auf Mallorca. Willi, inzwischen ließ er sich Wilfried nennen, war gut im Geschäft, arbeitete zwölf Stunden am Tag. Ein Workaholic, sagt seine Frau. Wenn sie das Thema ansprach, wurde er gleich berlinerisch: „Hättste’n Briefträger heiraten sollen.“

Fotos beweisen, dass er auch Urlaub gemacht hat, alleine mit dem Motorrad oder mit der Familie und Skiern in Südtirol. Am reich gedeckten Tisch sitzt er wie ein ruhender Buddha vor den Speisen. Die Abende klingen mit Rotwein und Zigarren aus. Auf der Piste trägt Wilfried seinen legendären Einteiler, ein eher schlichtes, aber unzerstörbares Fabrikat, das mit ihm alterte, ohne alt zu werden. Alt werden ist was für Stadtneurotiker. „Gefühlte 20“ blieb er all die Jahre hindurch.

Als ihm sein Arzt beim „50plus-Check- up“ sagte, seine Blut- und Herzwerte seien die eines 30-Jährigen, machte ihn das überglücklich. Wilfried glaubte unverwundbar zu sein. Auch mit der Idee, unbesiegbar zu sein, kokettierte er gerne. Wenn die anderen nach einer Runde Langlauf erschöpft waren, lief er noch eine zweite. Einmal war er mit dem Fahrrad unterwegs, sah vor sich einen Jüngeren, der recht schnell fuhr, und setzte alles daran, ihn zu überholen. Bis das Knie aufgab. Kapselriss.

Und dann war da noch eine verwundbare Stelle: Seine Töchter konnten ihn problemlos um den Finger wickeln. Sie durften ihn „Papaschlumpf im Ganzkörperstrampler“ rufen, wenn er in seinem Skianzug an ihnen vorbeibretterte. Um ihre kleinen Sorgen zu hören, verließ er wichtige Besprechungen. Als eines der Mädchen im Ausland war, einsam und traurig, rief er es jeden Abend an.

Die Töchter fingen an, sich für andere Männer zu interessieren, und Papa Wilfried fragte etwas zu oft, wer sich denn um sie kümmere, ob er sie nicht doch abholen solle von der Feier, ob denn alles in Ordnung sei... Er war eifersüchtig. Ihnen zuliebe ging er sogar auf einen Galaempfang im Hotel Interconti, mit Prominenz und Glamour. Alle fünf Minuten fragte er: „Können wir jetzt wieder gehen?“

Warum Wilfried starb, kann nichts von alledem erklären. Es war in den spanischen Bergen. Eine Serpentinenstrecke. Wilfried fuhr mit dem Motorrad wie zuvor schon zigtausend Mal. Das Wetter war gut, die Geschwindigkeit angemessen. Und plötzlich war da eine große Staubwolke, in der Wilfried verschwand. Er brach sich das Genick.

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