Wirtschaft : Wilhelmsruh macht Bim

Stadler Pankow liefert 45 Straßenbahnen nach Graz und schlägt Siemens und Bombardier aus dem Feld

Ingo Wolff

Berlin - Noch rattern alte Straßenbahnen von der Simmering-Graz-Pauker AG durch die Herrengasse in Graz. Das markante „Bim“ der grün-weißen Bahnen aus den sechziger Jahren gehört in Graz zum guten Ton und gibt der größten zusammenhängenden Altstadt Europas etwas Besonderes. Selbst die neueren Niederflurbahnen von Bombardier, die mittlerweile die Lücken der ausgemusterten Bahnen füllen, warnen mit einem solchen historischen Bimmeln. Immerhin heißen die Straßenbahnen in Graz ebenso wie die baugleichen Züge in Wien deshalb auch „Bim“ und nicht „Tram“.

Auch die neueste Generation wird diesen Ton haben. Allerdings kommt die neueste „Bim“ aus Berlin, gebaut von der Stadler Pankow GmbH. Das Unternehmen aus Wilhelmsruh hat den Auftrag von den Grazer Verkehrsbetrieben für 45 neue Niederflurbahnen des Typs Variobahn erhalten. „Das ist der größte Straßenbahnauftrag in der Firmengeschichte“, sagt Sprecherin Katrin Block. Der Auftrag hat ein Volumen von 97 Millionen Euro. 2009 wird die erste fünfteilige Straßenbahn geliefert. Das letzte Fahrzeug soll 2015 übergeben werden.

Stadler Pankow ist ein Unternehmen der Schweizer Stadler Rail Group und hat mit diesem Auftrag Unternehmen wie Siemens und Bombardier ausgestochen. Für die Grazer Stadtwerke ist das ebenfalls ein Jahrhundertauftrag. Nie zuvor hat die Stadt 45 neue Züge bestellt, daher gab es um die Vergabe einen erbitterten juristischen Streit. Siemens und Bombardier hatten in einem Nachprüfungsverfahren durch den Unabhängigen Verwaltungssenat der Stadt gegen Stadler verloren. Dabei hatten beide Unternehmen einen Heimvorteil. Siemens betreibt in Graz bereits ein Produktionswerk, und Bombardier setzt Züge in der Hauptstadt der Steiermark ein. In der Begründung von Richterin Renate Merl heißt es, die anderen Angebote hätten nicht den Ausschreibungen entsprochen.

Ausschlaggebend war laut Stadtverwaltung bei der Vergabe nicht der Preis allein, sondern die technische Anforderung. Mit 151 Plätzen bot Stadler die größten Wagen an und war beim Kaufpreis pro Passagier vorn. Außerdem sollen die Instandhaltungskosten der Stadler-Bahnen nur halb so hoch wie die der Siemens-Züge gewesen sein. Zu den Details der Ausschreibung und des Rechtsstreits möchte man sich bei Stadler nicht äußern. „Wir haben die Ausschreibung ehrlich gewonnen und die Anforderungen erfüllt“, sagt Block. „Solch eine Schlammschlacht wie in Graz möchten wir nicht.“ Man sei von den Medien vor Ort nicht gerade fair behandelt worden und halte sich daher zurück.

Nun kann Stadler die Bahnen auf Tiefladern nach Graz liefern. In Chemnitz, Bochum, Duisburg, Sydney und Helsinki rollen diese Variobahnen bereits. Seit 1996 werden in Pankow Schienenfahrzeuge entwickelt, konstruiert und gebaut. Von den 2400 Mitarbeitern des Konzerns arbeiten 540 in Pankow.

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