Wirtschaft : Wind und Sonne können mehr

Die EU will 20 Prozent der Energie aus alternativen Quellen beziehen. Der Branche ist das viel zu wenig

Philipp Lichterbeck

Berlin - Es klang ehrgeizig, was die EU-Kommission vergangene Woche verkündetete: 20 Prozent des europäischen Energieverbrauchs sollen bis zum Jahr 2020 aus erneuerbaren Quellen stammen. Dennoch zeigten sich die Hersteller und Betreiber der alternativen Energieanlagen alles andere als glücklich. „Zu dürftig“ hörte man vom Bundesverband der Windenergie (BWE). Und Carsten Körnig, Chef beim Bundesverband Solarwirtschaft (BSW), kritisierte die Strategie als „nicht mutig genug“.

Denn in der Branche hat man längst größere Ziele. Dort hält man es für realistisch, 25 Prozent des europäischen Energiebedarfs mit alternativen Energiequellen zu erzeugen. Den Anteil der erneuerbaren Energien ausschließlich an der Stromerzeugung möchte man sogar auf 35 Prozent hochschrauben. Daher setzt man nun auf die Bundesregierung, die während ihrer EU-Ratspräsidentschaft den Aktionsplan der Kommission nachverhandeln soll.

Denn Deutschland ist besonders glaubwürdig, wenn es um die Förderung alternativer Energien geht. Fast 12 Prozent des Stroms werden hierzulande aus den so genannten Erneuerbaren gewonnen, rund 80 Prozent davon aus Wind- und Wasserkraft. Die EU-Kommission lobt Deutschland daher für seine Bemühungen, ebenso wie Dänemark, Finnland und Spanien.

Hinter dem Branchen-Appell an die Bundesregierung steckt also vor allem der Wunsch der Hersteller, das starke Wachstum der vergangenen Jahre fortzusetzen. 170 000 Menschen arbeiten im Bereich der erneuerbaren Energien, bis 2020 könnten es 300 000 werden.

Vor allem der internationale Markt für Solarzellen und Windräder boomt. Die Branche machte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 4 Milliarden Euro. Der Weltmarktanteil der deutschen Solarunternehmen lag bei 25 Prozent (im Jahr 2000 waren es nur sieben Prozent). 35 Prozent der Solarzellen, die größtenteils in den neuen Bundesländern und Berlin produziert werden, sind für den Export bestimmt. Carsten Körnig vom BSW glaubt, diesen Anteil sogar auf 70 Prozent steigern zu können. Vor allem nach Kalifornien und Spanien, aber auch in andere Länder Europas liefere man. Das hat auch damit zu tun, dass viele EU-Staaten das deutsche Gesetz zur Förderung Erneuerbarer Energien (EEG) übernommen haben, das sich als effizientes Instrument erwiesen hat.

Markus Elsässer vom Unternehmen Solar Promotion GmbH prognostiziert bis 2012 im Weltmarkt für Photovoltaik ein Wachstum zwischen 25 und 30 Prozent. Interessant dürfte auch die angekündigte Energiepartnerschaft der EU mit Afrika sein: Im Norden des Kontinents sollen riesige Solarkraftwerke entstehen. „Dadurch würde nicht nur ein wichtiger Beitrag zur europäischen Energieversorgung geleistet“, sagt Dennis Tänzler, Energieexperte des Berliner Umweltforschungsinstituts Adelphi Research, „sondern auch die ganze Region stabilisiert“.

Euphorisch blicken auch die Hersteller von Windkraftanlagen in die Zukunft. Sie halten einen Weltmarktanteil von 40 Prozent, ihr Exportanteil liegt bei 71 Prozent. BWE-Sprecher Hochstätter spricht von einem „irren Wachstum“. Doch in Deutschland sinkt die Zahl neuer Anlagen, während sie in den USA, Spanien und Indien steigt. Wachstum ist hierzulande durch den Austausch alter Anlagen zu erzielen. Die Industrie setzt außerdem auf den Aus- und Neubau von Offshore-Parks in der Nord- und Ostsee. Derzeit gibt es in Deutschland 18 054 Windkraftanlagen. Sie haben einen Anteil von 6,8 Prozent am Nettostromverbrauch.

Dass man jedoch die Leistungsfähigkeit der Windenergie nicht überschätzen dürfe, glaubt Fritz Vahrenholt, Chef des Windkraftunternehmens Repower AG. Im Südwestrundfunk plädierte er für längere Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke. „Niemand darf doch im Ernst glauben, dass Windenergie die Kernenergie vollständig ersetzen kann.“

Dennoch nimmt der Ausbau der Windenergie weltweit zu. Einige Anlagenbauer tragen sich daher bereits mit Abwandergedanken, wie BWE-Sprecher Hochstätter sagt. Denn die Transportkosten für Windräder sind immens.

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