Wirtschaft : Windows XP: Das Programm ist Sicherheit

Kurt Sagatz

In den letzten Jahren hatten Computerbesitzer ihre liebe Mühe, angesichts der regelmäßigen Herausgabe neuer Microsoft-Betriebssysteme den Überblick zu behalten. Windows 98, Windows 98 Second Edition (SE), Windows 2000, Windows Millennium Edition (Me) - kein Jahr verging ohne ein neues Windows. Am 25. Oktober ist es wieder soweit: Dann steht wieder ein neues Windows in den Regalen des Handels, diesmal mit dem Zusatz XP für "eXPerience" oder zu deutsch: Erfahrung. Für die Anwender stellt sich erneut die Frage: Lohnt sich der Umstieg?

Im Gegensatz zu Versionen wie Windows 98 SE oder auch Windows Me ist der neueste Betriebssystem-Ableger Windows XP aus dem Hause Microsoft keine Zwischenstation, sondern ein ebenso bedeutsamer Schritt wie seinerzeit die Einführung von Windows 95. Damals wurde sowohl die Technik als auch die optische Erscheinung komplett umgekrempelt. Auch diesmal sind die Änderungen tiefgreifend, denn mit Windows XP kommt es zur Verschmelzung der vor allem im privaten Bereich eingesetzten Versionen (95,98,Me) mit den Profi-Versionen (NT, Windows 2000). So komplex die Zusammenführung der beiden bislang getrennten Betriebssystem-Varianten ist, so einfach ist sie im Resultat. Die für Privatkunden entwickelten Versionen waren so erfolgreich, weil sie verhältnismäßig einfach zu nutzen waren. Dagegen gelten die Profi-Versionen NT und Windows 2000 als extrem sicher und robust. Diese beiden Aspekte - Komfort und Sicherheit - sollen nun in einem System gebündelt werden. Einfach ausgedrückt: Unter dem bekannten Chassis von Windows 98/Me läuft nun der zuverlässige NT-Motor. Hinzu kommen eine Reihe neuer Funktionen vor allem aus dem Multimedia- und Internet-Bereich. Aber auch für die Nutzung im Firmennetzwerk wurde einiges getan, um beispielsweise zentral administrieren oder fernwarten zu können. Für Privatkunden wird es eine leicht abgespeckte Home Edition (249 Mark) und für Firmenkunden die Professional-Variante (489 Mark) jeweils als Update auf ein vorhandenes System geben.

Ob Privatmann oder Firmenkunde: Microsoft hat mit Windows XP besonderen Wert darauf gelegt, den Nutzern das Leben zu vereinfachen. 80 Prozent der Funktionen, die man sich schon immer von seinem System gewünscht hatte, sind bislang nur nicht gefunden worden, hatten Umfragen ergeben. Das Finden gesuchter Funktionen und der unkomplizierte Umgang damit wird nun erheblich vereinfacht. Wird beispielsweise eine Digitalkamera an den Computer angeschlossen, öffnet sich automatisch ein Menü mit verschiedenen Optionen. Schritt für Schritt können nun die Bilder gespeichert, ausgedruckt, per Mail versendet oder ins Internet gestellt werden. Selbst die Einrichtung eines Heim-Netzwerkes stellt mit Hilfe neuer Assistenten selbst für Laien keine unüberwindbare Hürde mehr dar.

Der Zugewinn an Komfort und Sicherheit war für die Designer von Microsoft freilich nicht umsonst zu haben. Vor allem war es notwendig, sich endgültig von den Wurzeln des Betriebssystemes DOS zu trennen. Auch wenn es der normale Nutzer gar nicht mehr bemerkt hat, lag dieses Alt-Betriebssystem bei den Versionen Windows 95/98/Me immer noch als vermittelnde Schicht zwischen den Programmen und der Computerhardware und führte zu vielen Instabilitäten. Dagegen schirmt das Profisystem aus der Windows-NT-Welt jeden einzelnen Programm-Prozess so effektiv ab, dass der Absturz eines Programmes nicht zwangsläufig den Neustart des gesamten Systems nach sich zieht.

Die Abkehr von DOS und die Hinwendung zum NT-Betriebssystemkern macht jedoch nicht alles einfacher. Das Profisystem ist erheblicher anspruchsvoller, wenn es um Treiber für neue Hardware wie ISDN-Karten und Fernsehkarten oder Peripherie-Geräte wie Drucker, Scanner und andere Multimedia-Devices geht. Solche Geräte lassen sich künftig nur noch dann anschließen, wenn der Hersteller einen speziellen XP-Treiber anbietet oder das System den für Windows 2000 entwickelten Treiber akzeptiert. Die alten Vermittlungsprogramme für Windows 95/98/Me helfen dann nicht mehr weiter, für viele Alt-Geräte bleibt nur noch die Entsorgung.

Aber auch bei den Programmen wird unter XP nicht mehr alles laufen. Vor allem alte DOS-Spiele und systemnahe Programme arbeiten nicht unbedingt mit XP zusammen. "Never change a running system" lautet die bekannte Antwort auf die Frage, ob man angesichts der umworbenen Vorteile neuer Betriebssysteme den Umstieg wagen sollte. Private Besitzer älterer Computer sollten sich bei XP diese Frage ruhig etwas länger durch den Kopf gehen lassen. Vor allem sollte man vor einer Entscheidung noch einmal klar seine Zusatzgeräte überprüfen. Denn: jeder Windows-98-Treiber muss nun gegen einen entsprechenden XP- oder Windows-2000-Treiber ausgewechselt werden. Für viele Geräte bringt XP zwar selbst neue Treiber mit. Gerade bei exotischeren Zusatzkomponenten kostet die Suche im Internet jedoch viel Geduld und Nerven. Und für manche Geräte wird man gar keine neuen Treiber mehr bekommen, weil Firmen beispielsweise alte Entwicklungslinien aufgegeben haben.

Zum anderen verlangt das neue Windows - wie schon alle seine Vorgänger - immer leistungsstärkere Hardware, um bei der täglichen Arbeit wirklich eine Erleichterung zu ermöglichen. Zwar wird von Microsoft angegeben, dass bereits ein Pentium mit 300 Megahertz und 64 Megabyte Arbeitsspeicher sowie eine Festplatte mit mindestens 1,5 Gigabyte Platz ausreichen. Allerdings ist das in der Praxis die absolute Untergrenze. Um nicht in der täglichen Praxis ständig ausgebremst zu werden, ist ein Pentium II oder besser noch Pentium III mit 128 Megabyte Arbeitsspeicher schon vonnöten. Wer also seinen Computer vor einem Jahr gekauft hat, sollte mit dem Umstieg keine allzu großen Probleme haben, zumal neuere Geräte und deren Zusatzkomponenten zumeist mit Treibern für Windows 2000 ausgeliefert wurden, die von XP akzeptiert werden.

Während es bei älteren Geräten durchaus sinnvoller sein kann, bei dem betagteren, aber funktionierenden Betriebssystem zu bleiben und dem Kaufreflex in den kommenden Wochen zu widerstehen, lohnt es sich beim Neukauf eines Computers, darauf zu achten, ob sich darauf Windows XP befindet und ob die Hardware auch die Vorteile des neuen Systems unterstützt - vorausgesetzt, man möchte überhaupt Windows. So ist es bei Notebooks wichtig, dass die Geräte die neuen Stromsparfunktionen unterstützen. Nur dann lassen sich die Vorteile des sekundenschnellen Aufwachens aus dem Standby-Modus oder andere, ähnlich sinnvolle Funktionen tatsächlich nutzen. Während man auf Windows XP nicht mehr lange warten muss, kann es sich somit durchaus lohnen, mit der Anschaffung neuer Geräte so lange Geduld zu haben, bis die Anbieter Geräte in den Handel bringen, auf denen das "Designed for Windows XP"-Logo steht.

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