Wirtschaft : „Wir bauen den Standort Deutschland aus“

BenQ-Mobile-Chef Clemens Joos über die Handyproduktion in Kamp-Lintfort, Lohnverhandlungen mit der IG Metall und die Zusammenarbeit mit Asiaten

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Herr Joos, die Diskussion über die Zukunft der SiemensHandysparte hat die Netzbetreiber sehr verunsichert, sie haben weniger Siemens-Telefone bestellt.

Darauf haben wir unter anderem mit einer Informationskampagne reagiert. Was aber den Durchbruch gebracht hat, war die Ankündigung, dass es jetzt eine Lösung gibt. Das wiedergewonnene Vertrauen drückt sich in steigenden Bestellungen aus. Wir sind so gut unterwegs, dass wir schon wieder mit Engpässen in der Produktion zu kämpfen haben. Das ist ein Problem, das man gerne hat.

Das erste Handy unter der Marke BenQ-Siemens kommt im Frühjahr 2006. Wie wird es aussehen?

Das erste BenQ-Siemens-Gerät wird auf den Markenwerten von beiden Firmen aufsetzen. Es wird einerseits ein Produkt sein mit sehr hohem Qualitäts- und Designanspruch und andererseits über Multimedia-Fähigkeiten verfügen. Ein jüngeres Produkt mit der bewährten Substanz.

Welchen Marktanteil haben Sie im Blick?

Wir können uns zehn Prozent Marktanteil durchaus vorstellen.

Das ist aber sehr ehrgeizig.

In welchem Zeitraum habe ich ja noch nicht gesagt: Ich denke an 2007/08. Unsere Priorität ist nicht, den Marktanteil zu steigern, sondern profitabel zu werden. Wir gehen davon aus, dass wir auch mit einem geringen Marktanteil ein sehr schönes profitables Geschäft machen können.

Viele Experten sagen, dass in dem Geschäft nur die Großen eine Chance haben.

Es stimmt, dass es Größenvorteile gibt. Aber wir befinden uns in einem reifen Markt, der sich immer stärker differenziert. Da spielen Skaleneffekte dann keine Rolle mehr. Sonst könnte auch ein Autohersteller wie Porsche nicht wettbewerbsfähig sein.

Sie wollen der Porsche unter den Handyherstellern werden?

Wir wollen wieder Geld verdienen.

In Deutschland verschenken Netzbetreiber Handys. Und die haben kein Interesse an einer immer größeren Gerätevielfalt, weil das noch mehr Geld kostet.

Die Subventionsmodelle in Deutschland sind hochgradig verzerrend. Der Endkunde hat gar kein Wertebewusstsein, was er eigentlich bekommt. Eine sehr ungute Entwicklung. In anderen Märkten gibt es das Modell in dieser Form nicht, da wird der Kunde nicht bestochen.

Die Netzbetreiber sollten die Handys also nicht mehr subventionieren?

Ich würde mir das wünschen. Dann gäbe es mehr Transparenz auf dem Markt.

Der Kunde müsste dann 500 Euro für ein BenQ-Siemens- Handy zahlen?

Er müsste 100, 200 oder mehr Euro für ein Handy bezahlen. Aber dann hätte er die freie Wahl und wüsste genau, was er für sein Geld bekommt.

Haben Sie von dem neuen Eigentümer BenQ schon etwas gelernt?

Das kann man sagen. In erster Linie eine sehr pragmatische Entscheidungsfindung. Ich selbst habe viereinhalb Jahre in Asien gelebt und nehme die Kollegen von BenQ als sehr konsensorientiert, aber trotzdem extrem gradlinig wahr. Das ist eigentlich sehr unasiatisch. Und wir sind sehr erfreut, was BenQ an Wissen über Endkunden mitbringt.

Es geht also nicht so sehr um technisches Know-how?

Weniger. Bei Displays, MP3-Spielern oder Kameras ist BenQ außerordentlich stark. Aber in der Produktentwicklung haben wir selbst reichlich was zu bieten.

Da treffen verschiedene Kulturen aufeinander. Wie läuft die Zusammenarbeit?

Es überrascht mich, dass es so gut läuft. Die Kollegen in den Arbeitsteams sind schon mit konkreten Resultaten sehr gut unterwegs. Wir reden Klartext miteinander. Der Dialog macht einen Riesenspaß.

Haben auch die Mitarbeiter Spaß?

Ja, wobei man natürlich sagen muss, dass es noch viel Unsicherheit gibt. Die neue Organisation ist noch nicht auf allen Ebenen verstanden worden. Das dauert eine Weile bei 7000 Leuten.

Was können Sie den Mitarbeitern zum Standort Deutschland sagen?

Der Standort Deutschland ist als einer der Kernstandorte in dieser Kooperation anerkannt. Das ist überhaupt keine Frage. Kamp-Lintfort und München haben eine sehr sehr gute Position, weil wir dort Entwicklung, Fertigung und Logistikstützpunkte haben. Die Integration dieser europäischen Standorte ist ein sehr wichtiger Aspekt für BenQ. Das ist auch der Grund, warum wir jetzt 100 Mitarbeiter in der Entwicklung einstellen.

Sind die Stellen schon besetzt?

Wir werden überrannt von Bewerbungen von hochqualifizierten, vielversprechenden Leuten. Etwa die Hälfte der Stellen ist schon besetzt. Wir holen Entwicklungsaufträge, die wir früher nach außen gegeben haben, wieder ins Unternehmen. So bauen wir unsere Kernkompetenzen weiter auf.

Was heißt das für die Perspektive des Unternehmens?

Der Standort Deutschland wird derzeit in keiner Weise hinterfragt. Im Gegenteil, wir bauen den Standort aus. Das würden wir sogar gern noch in höherem Maße machen, wenn wir mit der IG Metall zu einer vernünftigen Vereinbarung kommen würden. Es ist bei BenQ überhaupt nicht in der Diskussion – auch mittel- oder langfristig nicht – die Aktivitäten in Deutschland zu reduzieren. Ein Grund für die Akquisition war ja die Überzeugung, dass BenQ europäisches Talent braucht, um das Geschäft in Europa weiter auszubauen.

Zu welcher Vereinbarung wollen Sie mit der IG Metall kommen?

Wir haben einen bestehenden Ergänzungstarifvertrag. Der ist eine Grundvoraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Kamp-Lintfort. Die Mitarbeiter haben dort ganz erhebliche Opfer auf sich genommen. Wenn das nicht der Fall gewesen wäre, könnten wir heute nicht so ein Bekenntnis zu dem Standort abgeben. Für unsere langfristige Planung und strategische Weichenstellung, die wir heute treffen müssen, brauchen wir aber eine Planungssicherheit. Wir müssen wissen, ob die Rahmenbedingungen auch über den Zeitpunkt 2006 hinaus gelten, wenn der Ergänzungstarifvertrag ausläuft. Weitere Forderungen haben wir gar nicht. Dass es bisher nicht möglich war, hierüber mit der IG Metall einen Konsens zu erreichen, bedauere ich sehr.

Die nächsten Gespräche sollen im Januar stattfinden.

Es ist aber unnötig, dass ich so lange warten muss. Ich würde viel lieber jetzt noch einmal mehr Mitarbeiter in Kamp-Lintfort einstellen. Das kann ich aber nicht, wenn ich noch nicht weiß, was im Januar, Februar oder vielleicht erst im April bei den Gesprächen herauskommt. Ich stehe heute vor der Entscheidung, Entwicklungskapazitäten zu planen.

Sie stellen keine zusätzlichen Mitarbeiter ein, weil die IG Metall Ihnen keine Sicherheit gibt?

Ja, die Verzögerung kostet Einstellungen. Das finde ich sehr bedauerlich und unnötig. Wir wollen weiterführen, was wir 2004 ausgehandelt haben.

In Berlin gibt es ein kleines Entwicklungsteam, die Product Visionaires. Wie sieht deren Zukunft aus?

Wir gehen davon aus, dass wir Product Visionaires in Zukunft deutlich intensiver nutzen werden, als es bisher der Fall war. Wir haben die zwei Dutzend Kollegen sehr intensiv in die zukünftige Strategie eingebunden.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

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