Wirtschaft : "Wir dürfen jetzt nicht in tiefe Depression verfallen"

HEIK AFHELDT URSULA WEIDENFELD

KLAUS MANGOLD (55) ist seit 1995 Vorstandsvorsitzender der Daimler Benz-Dienstleistungstochter Debis und Vorstand bei Daimler-Benz.Der Hausherr der Daimler-City am Potsdamer Platz wirbt seit Jahren für die deutsche Dienstleistungsgesellschaft und einen liberaleren Ladenschluß.Der promovierte Jurist, der von der Nürnberger Quelle-Gruppe zu Daimler Benz kam, ist als Osteuropa-Beauftragter des Konzerns einer der besten Kenner der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage in Rußland.

TAGESSPIEGEL: Herr Mangold, Berlin hat am Wochenende eine Riesenparty gefeiert: mit offenen Läden und Mitternacht, Konzerten, gutem Service ...

MANGOLD: Es wäre schön, wenn es immer so wäre.

TAGESSPIEGEL: Ist der Start für den Potsdamer Platz auch der Start in die Dienstleistungsgesellschaft?

MANGOLD: Die ist längst da.Aber wir müssen besser werden.Und was den Potsdamer Platz betrifft: Dieser Platz wird dann leben, wenn die Menschen ihn annehmen.Und die Menschen nehmen ihn an, wenn sie sich hier wohlfühlen.Deshalb ist guter Service so wichtig - und dehalb ist es auch wichtig, daß die Politik reagiert, wenn die Menschen länger einkaufen wollen.

TAGESSPIEGEL: Wollen Sie ein neues Ladenschlußgesetz?

MANGOLD: Am liebsten gar keins.Aber im Ernst: Die Politiker müssen sich die Frage stellen, ob sie den Ladenschluß nicht weiter liberalisieren.Wenn die Bürger abends nicht nur ins Kino wollen, sondern auch gerne einkaufen, dann sollen sie das dürfen.Und wir hier in der neuen Mitte Berlins fänden das besonders schön - weil es noch mehr Leben hierher brächte.

TAGESSPIEGEL: Ist der Potsdamer Platz das Symbol der Ära Kohl?

MANGOLD: Wir haben die Entscheidung hier zu bauen unabhängig von der Politik getroffen.Daß Daimer Benz sich hier engagiert, hat mit den Standortqualitäten dieser Stadt zu tun, mit ihrem wissenschaftlichen Umfeld, ihrem kulturellen Angebot, ihrer Offenheit für Investitionen.Es ist zwar erst mit der Wiedervereinigung und damit der großen historischen Leistung der Regierung Kohl möglich geworden.Aber das Projekt Potsdamer Platz war für Daimler-Benz immer ein rein ökonomisches.

TAGESSPIEGEL: Das sich auch dann noch rechnet, wenn eine Rezession alle Träume von Konsum, Ost-West-Handel und Servicegesellschaft zerstört?

MANGOLD: Das Projekt rechnet sich in jedem Fall, darauf können Sie sich verlassen.Wir liegen überall in unseren Budgets, sowohl, was die Zeit anbetrifft, als auch, was die Investition anlangt.

TAGESSPIEGEL: Wieviel haben Sie vermietet?

MANGOLD: Die Situation ist ausgezeichnet.Es gibt überhaupt keine Probleme.Und wenn Sie erlebt haben, wie die Berliner am Wochenende zu hunderttausenden den Potsdamer Platz erobert haben, dann spüren Sie, welch eine Anziehungskraft dieser Platz hat und auch in Zukunft haben wird.

TAGESSPIEGEL: Fragt sich nur, wie lange noch.

MANGOLD: Ich glaube nicht, daß Deutschland vor einer tiefen Krise steht.Auch wenn die Entwicklung an den Börsen natürlich sehr schmerzlich ist.Jeder muß wissen, daß Aktien etwas anderes sind als festverzinsliche Wertpapiere.Und den Unternehmen, die investieren wollten, tut der Abschwung natürlich besonders weh.Wir dürfen aber jetzt nicht in eine Depression verfallen, sondern wir müssen uns die Fakten ansehen.Und die sind in Deutschland und Europa nach wie vor erfreulich: Die Konjunktur ist sehr robust.Wir als Daimler-Benz und als Debis erkennen jedenfalls im Augenblick keine massiven Krisenzeichen.

TAGESSPIEGEL: Sie sind mit einem Joint-venture mit dem russischen Versorger Gazprom engagiert.Geht es dem Unternehmen gut?

MANGOLD: Es geht ihm gut.Gazprom hat eine sehr starke Position in der russischen Wirtschaft.Was den Informationstechnik- und Telekommunikationsbereich angeht, in dem unser Joint-venture engagiert ist, steht die Finanzierung.Und ich bin zuversichtlich, daß es hier zu keinen Problemen kommt.In Rußland selbst aber gibt es eine Krise, ohne Frage.Das ist eine politische Krise und eine Finanzkrise.Beides muß jetzt in Angriff genommen werden.Und für beides braucht Rußland unsere Hilfe.

TAGESSPIEGEL: Auch wenn die Unternehmen verstaatlicht werden?

MANGOLD: Auch wenn es sehr bedauerlich ist: Die Russen werden jetzt versuchen, die Rolle des Staates in der Wirtschaft zu stärken.Sie werden versuchen, den Kapitalexport und den Kapitalimport scharf zu reglementieren.Das hat mit der gewünschten politischen Reform zu tun.Ohne eine intensive Neustrukturierung der Steuern, der Finanzen und der Verwaltungen gibt es für Rußland keinen Boden, auf dem wieder Vertrauen wachsen kann.

TAGESSPIEGEL: Und trotzdem sollen wir helfen?

MANGOLD: Man kann es drehen und wenden, wie man will, ja.Die Russen brauchen das Geld, das der IWF ihnen zugesagt hat.Nicht mehr und nicht weniger.Aber so tief wird der Westen schon noch in seine Tasche greifen müssen.Und das Geld muß jetzt freigegeben werden, wenn es noch helfen soll.

TAGESSPIEGEL: Wie groß ist Ihr Rußlandgeschäft?

MANGOLD: Daimler Benz hat in Rußland einen Umsatz etwa in der Höhe von 500 Mill.DM.Das sind etwa 0,5 Prozent des Gesamtumsatzes des Hauses Daimler Benz.Ich bin sehr sicher, daß wir keine entscheidenden Abstriche an unseren Projekten machen müssen.Zumal wir nach wie vor gut verkaufen.

TAGESSPIEGEL: Sind Sie mit Termingeschäften oder in Hedge-Fonds engagiert?

MANGOLD: Überhaupt nicht.Wir haben diese Geschäfte zu keinem Zeitpunkt gemacht, und Debis wird sie auch in Zukunft nicht machen.Im Gegenteil: Wir profitieren jetzt davon, daß wir, was die Risikoabschätzung angeht, ein konservatives Unternehmen sind.

TAGESSPIEGEL: Aber der Traum der Ost-West-Drehscheibe Berlin, Potsdamer Platz, ist erst einmal ausgeträumt?

MANGOLD: Auch nicht.Wir machen in Osteuropa Kredit- und Leasingfinanzierungen mit wachsendem Engagement, das werden wir auch weiter machen.Und was die Adresse Berlin, Potsdamer Platz, angeht: Berlin wird hier Brücken bauen.Nicht nur in der Stadt, sondern auch für Osteuropa.

TAGESSPIEGEL: Glauben Sie, daß sich für Unternehmen wie Daimler Benz mit einer rot-grünen Regierung der Standort Deutschland verbessern läßt?

MANGOLD: Die neue Regierung ist das Ergebnis eines demokratischen Willensprozesses.Wir werden bald sehen, ob sie ihre Chancen wahrnimmt.Die Regierung wird die Wirtschaft nur dann überzeugen, wenn sie Reformen schnell und entschieden angeht.Das Schlimmste wäre, die Probleme weiterhin auf die lange Bank zu schieben.

TAGESSPIEGEL: Brauchen wir ein Bündnis für Arbeit?

MANGOLD: Wenn dort ohne Ideologie geredet wird, ja.Und wenn sich das Bündnis auf den Arbeitsmarkt konzentriert.Wenn es aber mißbraucht wird, um die Lösung von Problemen herbeizuführen, die zwischen der SPD und den Grünen strittig sind, dann wird es ein Desaster.

TAGESSPIEGEL: Debis hat der IG Metall einen modernen Tarifvertrag abgerungen.Wird das nun für die gesamte Wirtschaft gelingen können?

MANGOLD: Da bin ich unglaublich zuversichtlich.Weil nämlich ein Mann Arbeitsminister wird, mit dem wir unseren Tarifvertrag gemacht haben: Walter Riester.Ich kann mir nicht vorstellen, daß er sich ändert.Unsere gemeinsame Chance ist, daß wir Tarif- und Beschäftigungspolitik miteinander verbinden können.Daß wir allen Unternehmen so viel Spielraum geben, wie es bei uns gelungen ist.Wir konnten im Grundsatz die 40-Stunden-Woche wieder vereinbaren.Wir brauchen flexible Modelle, was die Bezahlung angeht, wir brauchen viel mehr Möglichkeiten, leistungsbezogen zu bezahlen.Wenn wir alles richtig machen, dann brauchen wir keine weitergehenden gesetzlichen Regelungen.Und dann können auch die Unternehmer damit leben, ohne weitere Deregulierungen fordern zu müssen.

TAGESSPIEGEL: Den Berlinern sagt man nach, sie seien strukturkonservativ.Wer treibt die Stadt voran - diejenigen, die von außen kommen, oder diejenigen, die hier sind?

MANGOLD: Zunächst: Dieser Stadt tut die Blutauffrischung von außen sicher sehr gut.Da kamen und kommen nämlich Menschen, die unglaublich begeistert sind von Berlin.Und dadurch ist diese Aufbruchstimmung auch übergesprungen zu den Berlinern.Wenn es nun auch gelingt, das politisch umzusetzen, dann wird sich Berlin sehr bald noch viel schneller bewegen.Die jungen Menschen müssen sich nun auch politisch und gesellschaftlich engagieren.

TAGESSPIEGEL: Und wann muß Berlin an der Spitze der Bewegung stehen?

MANGOLD: Gestern - weil morgen vielleicht schon zu spät wäre.

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