Wirtschaft : "Wir haben vergessen, daß zum Oben ein Unten gehört"

URSULA WEIDENFELD

Reinhard K.Sprenger ist einer der bekanntesten deutschen Unternehmens- und Personalberater.Der studierte Sportlehrer, Psychologe und Betriebswirt hat den Bundespräsidenten für seine Berliner Adlon-Rede beraten, und ist einer der erfolgreichsten Autoren von Wirtschaftsbüchern in Deutschland.In seinem jüngsten Werk "Die Entscheidung liegt bei Dir" räumt er mit dem Glauben auf, man müsse sein Schicksal erdulden.Glück, so meint Sprenger, ist machbar.

TAGESSPIEGEL: Herr Sprenger, Sie haben tief in die Psyche der Deutschen geguckt und vor allem Scheu vor dem Risiko entdeckt.Trotzdem engagieren sich die Deutschen wie nie zuvor an der Börse.Was ist passiert?

SPRENGER: Die Angst, die Party zu verpassen - das ist passiert.Das ist eine Urangst des Menschen.Daß irgendwo die Post abgeht, und er ist nicht dabei.Mit der Angst vor Risiko hat das nichts zu tun.

TAGESSPIEGEL: Und wenn die Party vorbei ist?

SPRENGER: Dann leiden wir Deutschen besonders darunter, daß es kracht.Wir haben von unseren Eltern gelernt, alles in einer ständig aufsteigenden Linie zu denken.Das gilt für unser Leben, unsere Beziehungen, unseren Beruf und auch für unseren Wohlstand.Solange die Linie nach oben geht, haben wir vergessen, daß zum Oben immer auch ein Unten gehört.

TAGESSPIEGEL: Was ist in den Köpfen passiert, als die Telekom an die Börse ging?

SPRENGER: Alle hatten auf einmal das Gefühl: Hoppla, da will ich dabei sein.Daß es aber Brüche und Schwankungen gibt, daß zu Gewinn zwingend auch Verlust gehört, daß es keinen Berg ohne Tal gibt ...

TAGESSPIEGEL: das sind Binsenwahrheiten.

SPRENGER: ...die aber bereitwillig verdrängt werden.Eben weil wir keine Tradition haben in der Geldanlage an der Börse, vermuten wir jetzt, wo es kracht, dunkle Mächte, denen sich der Anleger ausgeliefert fühlt.Wenn man nämlich fragt, wie es funktionieren soll, daß Geld an der Börse Werte schafft, dann weiß kaum jemand eine Antwort.Wert erschafft sich schließlich nicht aus nichts.Wer sich dagegen mit der Börse und den Papieren, die er gekauft hat, beschäftigt, fühlt sich jetzt auch nicht betrogen.

TAGESSPIEGEL: Und was ist mit den anderen: Ist denen nicht zu helfen?

SPRENGER: Ich glaube, daß man nicht nur verstehen muß, was in den Köpfen der Menschen vorgeht.Man muß auch sehen, was sie berührt.Menschen können nur schwer damit leben, daß etwas stattfindet, an dem sie nicht teilhaben.Es geht ihnen nämlich nicht gut, weil es ihnen gut geht.Es geht ihnen schlecht, weil es anderen besser geht.Das ist ganz wichtig.Der Gedanke, daß es anderen möglicherweise uneinholbar viel besser geht, weil sie Aktien haben, ist unerträglich.

TAGESSPIEGEL: Vielleicht geht es ihnen schlecht, weil sie Angst um ihren Job hatten, während gleichzeitig die Börse abging.Wie groß ist die Sehnsucht, eine aufsteigende Linie zu finden?

SPRENGER: Die Menschen sind ängstlich.Schwarze Freitage hat es immer gegeben und wird es immer geben.Aber einige haben so gedacht: Wenn schon alles andere nach unten geht und sogar ein Zusammenhang zwischen Jobverlust und Börsenboom hergestellt wird, dann will ich wenigstens da dabei sein.Auch wenn dieser Zusammenhang natürlich nicht besteht.Das alles aber führt dazu, daß die Menschen die Börse für ein großes Mysterienspiel halten, in dem Dinge passieren, die nicht zu verstehen sind, die an Zauber und Wunder grenzen.

TAGESSPIEGEL: Die Börse als gigantisches Lottospiel?

SPRENGER: Das stimmt nur begrenzt.Lotto ist ein Ritual.Da denkt kaum noch jemand nach, wenn er seine Scheine ausfüllt.Und es ist verbunden mit der Erwartung wirklich großen, lebensrevolutionierenden Glücks.Glück an der Börse ist dagegen ein begrenztes Glück.Das Verbindende ist die Haltung: Glück ist Glückssache.Es hat mit mir selbst nichts zu tun, es kommt von ausßen, stößt einem zu.

TAGESSPIEGEL: Und, was ist Glück?

SPRENGER: Etwas, was ich selbst in der Hand habe, das ich gestalten kann, für das ich die Verantwortung übernehmen muß.Jedenfalls macht Glück im Lotto nicht glücklich: Ein Jahr nach dem großen Los sind die meisten Lottogewinner unglücklicher als zuvor.

TAGESSPIEGEL: Aber Aktionäre fühlen sich doch gut, wenn die Börse haussiert.

SPRENGER: Das ist ein Phänomen, das für alle gilt: Man fühlt sich nicht reich, wenn man Geld hat, sondern wenn man welches erwartet.Wie neigen dazu, leichtsinnig zu werden, wenn uns die Zukunft rosig erscheint.Die Gefahr ist, daß wir dann nicht die Werte realisieren, die wir haben, sondern Kredite auf die Zukunft aufnehmen.

TAGESSPIEGEL: Welche Rolle spielt es, daß da Geld gemacht wird, ohne daß man etwas dazu tut?

SPRENGER: Im wesentlichen ist es die Erwartung, daß Geld aus nichts geschaffen wird.Das ist attraktiv.Weil es wie ein Zauber ist, den früher - natürlich ganz anders - vielleicht die Kirchen vermittelt haben, der aber in der Erlebniswelt der heutigen Menschen keinen Platz mehr hat.Das ist das Verführerische.

TAGESSPIEGEL: Und dagegen kann das Gefühl, durch den Erwerb einer Aktie Miteigentümer eines Unternehmens zu werden, nicht anstinken?

SPRENGER: Das wird kaum wahrgenommen.Viele Kleinanleger verhalten sich wie Schnäppchenjäger, die auf einen attraktiven Sound, der von den Medien oder von den PR-Maschinen erzeugt wird, anspringen.Ganze Branchen wie zum Beispiel die Telekommunikation haben Sex Appeal.

TAGESSPIEGEL: Sind aggressiv verkaufte Branchen auch die erfolgreichen Titel?

SPRENGER: Eindeutig.Wenn die Jungs mit den Hosenträgern auf dem Parkett stehen und von himmelstürmenden Potentialen erzählen, dann ist das cool.Also investiert man da, auch wenn man noch nicht einmal weiß, wie der Vorstandsvorsitzende heißt.Dagegen gibt es andere Branchen, die ebenfalls ungeheuer wichtig sind, die die Anleger aber verachten.Zum Beispiel Zeitarbeitsunternehmen.Die Branche wird immer noch als ein bißchen anrüchig wahrgenommen.Das kann man nicht offensiv vermitteln, also geht man da nicht rein.Die Folge ist, daß es dort wenige Privatanleger, aber unglaublich viele institutionelle Investoren gibt.

TAGESSPIEGEL: Was ist die Konsequenz?

SPRENGER: Daß die Menschen kaufen, was schillert, und verkaufen, was nicht mehr prickelt.

TAGESSPIEGEL: Das ist doch in Ordnung.Wenn der shareholder value nicht stimmt, steigen auch die Profis aus.

SPRENGER: Aber aus anderen Motiven.Profis steigen aus, wenn sie die Zukunft eines Unternehmens kritisch sehen.Amateure gehen, wenn die Gegenwart nicht stimmt.

TAGESSPIEGEL: Was heißt das für die Einstellung der Menschen zur Wirtschaft?

SPRENGER: Das ist das Hintergrundthema, das hinter allem liegt.Ich halte die Deutschen für eines der risikounfreundlichsten und sicherheitsbedürftigsten Völker der Welt.Wir versuchen alle verzweifelt, Sicherheit herzustellen, das Immer-nach-oben-gehen zu institutionalisieren, unendlich zu machen - von unseren kleinen Lebensumständen bis zu den großen Lebensthemen.Wir müssen lernen, daß nicht das Hinfallen das Problem ist, sondern das Liegenbleiben.

TAGESSPIEGEL: Aber die Menschen haben doch längst angefangen zu lernen.

SPRENGER: Ja, da steht verbale Offenheit gegen weitgehend rigide Verhaltensstarre.Wir haben jetzt die Chance, uns nicht nur als Opfer des Geschehens zu begreifen, sondern uns auch als Täter zu sehen.Nicht nur passiv zu sein, sondern aktiv Teilhaber der Wirtschaft zu werden.

TAGESSPIEGEL: Welche Rolle spielt Angst?

SPRENGER: Sicher spielt Angst, Angst vor Verlust und Angst vor Unglück, eine große Rolle, wenn es an der Börse kracht.Das ist auch in Ordnung.Es ist eben nur die Frage, wie man das interpretiert.Akzeptiert man, daß das zum Spiel gehört, oder tut man das nicht.

TAGESSPIEGEL: Führt das dazu, daß sich die Leute irgendwann seriös für Wirtschaft interessieren?

SPRENGER: Wir müssen erst unser gesamtgesellschaftliches Mentalproblem lösen, bevor die Menschen die Wirtschaft spannend finden.Jedes Gestaltungsproblem wird bei uns in einer Richtlinie erstickt, jedes Risiko in einer Versorgungskasse ersäuft.Diese Absicherungsmentalität ist so lähmend, daß wir einige dieser Vorsorgesysteme abschaffen müssen, um wieder beweglich zu werden.Wenn Menschen anfangen, selbst die Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, begreifen sie, daß Wirtschaft ihr Schicksal ist.Unsere Sicherungssysteme aber erlauben es einem Arbeitslosen, eine Stelle abzulehnen, weil er sie nicht für zumutbar hält.Das Arbeitsrecht ist nach wie vor etwas, was Mobilität behindert, das auch solche Menschen schützt, die schlicht nicht arbeiten wollen.

TAGESSPIEGEL: Finden Sie das deutsche Arbeitsrecht überflüssig?

SPRENGER: Natürlich nicht.Aber es darf nicht dazu führen, daß wir Kooperationsbeziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern nicht mehr beenden können.Kooperationsbeziehungen muß man beenden können.Sonst pervertieren sie.Es muß die Furcht geben, daß das Spiel zu Ende sein könnte.Nur das erhält den Wunsch, möglichst lange zu kooperieren, nur das macht eine Beziehung wertvoll.

TAGESSPIEGEL: Sagen Sie das auch denen, die ihre Stelle verloren haben?

SPRENGER: Diese Menschen haben doch bei uns nur deshalb das Gefühl, nutzlos und wertlos zu sein, weil sie wenig Chancen auf einen Neuanfang haben.Entweder sie schaffen den Sprung zurück in die Sicherheitsgesellschaft, oder sie werden von ihr ausgehalten.Weil die Angst vor dem Gefeuert werden grassiert, sind vor das Geheuert werden unendlich hohe Hürden gebaut.

TAGESSPIEGEL: Und wer sorgt dafür, daß wir uns verändern?

SPRENGER: Vielleicht ist es die Börse.Aber ich setze vor allem auf die jüngere Generation, die unter ganz anderen Bedingungen aufwächst.Wenn ich mir nur angucke, wie stark viele junge Menschen schon heute nicht mehr deutsch, sondern europäisch leben und denken, dann macht das Hoffnung.

TAGESSPIEGEL: Und wann kommt der Quantensprung?

SPRENGER: Schneller als wir alle denken.Vielleicht in fünf oder sechs Jahren, aber dann ist er da.Dann hat auch der Letzte begriffen, daß die Wirtschaft das Öl ist, das alle anderen Prozesse erst ermöglicht und sie spannend macht.Sie ist der Motor der Moderne überhaupt.

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