Wirtschaft : „Wir lassen uns nicht einfach auf die Straße setzen“

Im Waschmaschinenwerk von Bosch-Siemens wird seit Montag gestreikt. Die Belegschaft plant einen Protestmarsch nach München

Carsten Brönstrup

Berlin - Der hellblau funkelnde Himmel über Spandau mag gar nicht passen zu den düsteren Mienen der Männer, die auf dem Fabrikparkplatz stehen und in ihre Trillerpfeifen blasen. Und statt Spätsommerduft wabert einem der schwere Qualm von verbranntem Holz, das in Metallfässern vor sich hin schmort, in die Nase. „Der Vorstand muss sich warm anziehen“, ruft Güngör Demirci, der Vorsitzende des Betriebsrats, in sein Mikrofon. „Wir lassen uns nicht einfach auf die Straße setzen.“ Einige hundert Hände klatschen, die Frauen johlen. Alle tragen knallrote Plastikschürzen. „IG Metall – wir streiken“, steht darauf.

Seit Montag früh arbeitet im Waschmaschinenwerk der Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH (BSH) niemand mehr. Die 1050 Beschäftigten sind in einen unbefristeten Streik getreten. Der Konzern will den Standort, an dem seit 1953 Hausgeräte gebaut werden, Anfang 2007 schließen –, weil er zu teuer ist. 570 Beschäftigte in der Fertigung sollen dann ihren Job verlieren, Betriebsratschef Demirci spricht gar von 618 Kollegen. Um sechs Uhr sind die Arbeiter zur Frühschicht erschienen, um sich in die Streiklisten einzuschreiben – nur dann gibt es Geld von der Gewerkschaft. Der letzte Arbeitskampf in Berlin gegen das Aus der Spandauer Baumaschinenfabrik von CNH hat in diesem Frühjahr 107 Tage gedauert.

Die meisten Beschäftigten sind Männer Mitte vierzig oder älter, jeder vierte hat Wurzeln in der Türkei. „Ich stehe hier seit 16 Jahren an der Maschine“, sagt ein Enddreißiger mit dunklem Teint und hoher Stirn. „Ich wüsste nicht, wo ich in Berlin unterkommen sollte.“

Ein anderer hat schon Pläne für die Zeit nach der Schließung. „Ich werde mich selbstständig machen – von BSH habe ich die Nase voll.“ Und Wladislaw Gomolkiewicz, 55, seit 17 Jahren in der Produktionsvorbereitung, erzählt, dass die Angst vor weiteren Kürzungen schon lange auf die Stimmung der Belegschaft drückt. „Vor zehn Jahren lief es noch gut – dann begann Zug um Zug der Abbau.“ Mehr als 3000 Menschen hatten einmal bei BSH in Spandau Arbeit. „Den meisten bleibt nur der Weg aufs Arbeitsamt“, ist er überzeugt.

Verhandlungen über eine Weiterführung des Werks waren in der vorigen Woche gescheitert –, weil das Management die Lohnkosten um zehn Millionen Euro pro Jahr drücken, die IG Metall aber nur gut sieben Millionen Euro Verzicht zugestehen wollte. Nur die 450 Stellen in Entwicklung und Service sollen auf Dauer bestehen bleiben. Wenigstens einen Sozialtarifvertrag mit üppigen Abfindungen soll der Streik nun bringen, fordert die IG Metall, am besten aber die Fortführung der Produktion und neue Investitionen.

Die BSH-Leute sind vor allem sauer, weil kurz nach dem Scheitern der Gespräche bekannt wurde, dass die Vorstandsbezüge beim Mutterkonzern Siemens um 30 Prozent angehoben werden sollen. „Wenn die Gehälter der Manager nur halb so stark steigen würden wie jetzt geplant, könnten wir noch zehn Jahre hier weitermachen“, empört sich Demirci. „Und hier verlangen sie von uns, bei Nettolöhnen von 1400 Euro auf 500 zu verzichten. Wovon sollen wir denn Miete bezahlen und unsere Kinder und Frauen ernähren?“

Den Protest wollen die BSH-Beschäftigten nun bis nach München tragen. Am 5. Oktober werde man zu einem Marsch zur dortigen BSH-Zentrale aufbrechen, ruft Demirci. „Wir bleiben so lange dort, bis die Schließung des Werkes zurückgenommen wird.“ Auf dem Weg werde man Stimmung in der ganzen Republik machen. „Der Beschluss, Berlin zu schließen, wird BSH noch leidtun.“

Arno Hager, Chef der IG Metall in Berlin, hat lange mit den BSH-Chefs in den Verhandlungen über die Zukunft der Fabrik gesprochen. Jetzt schimpft auch er auf sie. „Die haben ein ganz mieses Spiel mit uns gespielt“, klagt er. Statt zu verhandeln habe das Management nur auf seiner Position beharrt und keine Zugeständnisse gemacht. „So kann man nicht mit uns umspringen.“ Und Olivier Höbel, Bezirkschef in Berlin, Brandenburg und Sachsen, fordert ein Moratorium für den Jobabbau. „Solange nicht klar ist, wie die Zukunft der Betroffenen aussieht, darf es keine Entlassungen geben.“

Als alle Reden gehalten sind, setzen sich die Streikenden in die Sonne und trinken Kaffee. Eine Sprecherin der BSH-Zentrale in München sagt nur, man habe länger als ein Jahr verhandelt und dabei alle Möglichkeiten ausgelotet. Dass nun gestreikt werde, sei „sehr bedauerlich“.

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